Samstag, der 04. September 2010
 
 

Interview: Turisas

 

Ich muss ehrlich zugeben, das mir das 2004’er Debüt „Battle metal“ von Turisas völlig abhanden gekommen war. Ich hatte zwar das Teil in meinem CD Regal zu stehen, habe mich allerdings nie daran gemacht, das gute Stück mal zu hören. Dies änderte sich allerdings schlagartig, als ich die neue CD „The varangian way“ (Review) der Truppe um Mathias „Warlord“ Nygard zum ersten Mal hörte. Ein geniales Scheibchen mit irren Melodien. Da erinnerte ich mich an das Debüt, welches kein Deut schlechter geraten ist und zu einem Dauerbrenner in meinem Auto wurde.

 

Als ich die durchgeknallten Finnen mit ihrer fellbehangenen Kriegermontor und den Rot/Schwarz gefärbten Gesichtern dann endlich auf dem WFF und dem W:O:A live begutachten konnte, kannte mein Enthusiasmus keine Grenzen mehr und ich mauserte mich zu einem Die-Hard Turisas Fan.

 

Mit zwei starken Alben, einer total coolen Single („Rasputin“) und dem Supportslot für die aktuelle Iced Earth Tour (Konzertbericht) im Rücken, stellten sich der Warlord und Gitarrist Jussi im Tourbus meinen Fragen. Es wurde ein interessanter Gedankenaustausch…

Mathias, dein Nachname „Nygard“ lässt ja eigentlich nicht den Schluss zu, das Du Finne bist…

 

Doch doch, durch und durch. Ich gehöre zu der 6% Minderheit der schwedisch sprechenden Bevölkerung. Es ist bei uns ähnlich wie in der Schweiz oder Kanada, wo es auch einen Teil der Bevölkerung gibt, die französisch sprechen. Ich spreche allerdings genauso schwedisch wie finnisch…

 

Endlich seid Ihr auf Tour, doch das Package ist ziemlich ungewöhnlich: Traditioneller Power Metal, Oldschool Thrash und Ihr mittendrin. Klappt das? Wie waren die bisherigen Reaktionen der Fans?

 

Jussi: Wir hatten bisher gute Reaktionen der Leute. Klar ist es schwierig, als erste Band des Abends auf die Bühne zu gehen, vor allem wenn da unten ein ganzer Haufen Iced Earth Fans stehen. Das ist eine ganze Menge harter Arbeit (lacht) Es ist natürlich ein riesiger Vorteil vor Leuten zu spielen, die noch nie was von uns gehört habe. Somit haben wir die Möglichkeit, den Leuten unsere Musik näher zu bringen.

 

Mathias: Es lohnt sich auf jeden Fall für uns. Es ist klasse, wenn wir dadurch neue Fans gewinnen. Ich muss Jussi total Recht geben. Es ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, jeden Abend vor diesem Alien-Crowd zu spielen (lacht)

 

Wie würdet Ihr eigentlich Euren Musikstil beschreiben? Manche sagen Power Metal, andere Viking Metal. Ich würde Folk Metal bevorzugen…

 

Jussi: Es ist schwierig, unsere Musik in eine Schublade zu packen. Puh, ich habe mir das selbst noch nie Gedanken darüber gemacht. Viele meinen, wir spielen Fantasy Metal. Nennen wir es doch einfach „Battle metal“ (alle lachen)

 

Mathias: Wenn wir ein Album aufnehmen oder live spielen machen wir uns überhaupt keine Gedanken, welche Art von Metal wir spielen. Wir gehen raus und spielen. Dieses ganze Schubladendenken gibt es ja fast ausschließlich im Heavy Metal. Diese ganze Etiketten Vergabe dient wenn dann nur dem Metal Fan als Orientierung. Wenn wir jetzt anfangen würden, uns selbst einen Stempel aufzudrücken, würden wir uns selbst betrügen.

 

Das Konzept von „The varangian way“ gefällt mir außerordentlich gut. Wer kam auf die Idee, den Weg der Währinger über die Flüsse bis ans schwarze Meer musikalisch aufzuarbeiten?

 

Mathias: Das ist auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte die Idee schon länger im Hinterkopf, hatte aber noch keine Vorstellung von der Musik dazu. Ich bin dann also mit den Texten angekommen und wir haben die Musik drum herum geschrieben. Das Album ist nach und nach gewachsen und wurde mit der Zeit immer stimmiger. Es war, als ob man einen Soundtrack zu einem Film oder einem Buch schreibt. Wir sind mit dem Ergebnis immer noch sehr zufrieden…Jetzt auf der Tour verkaufen wir schon eine Special Edition des Albums, bei dem neben diversen Bonustracks auch „Rasputin“ drauf ist und eine DVD beiliegt, mit diversen Auftritten, u.a. vom WFF und dem W:O:A (lechz…hechel-der Verf.). Ist eine ziemlich coole Sache…

 

Seid Ihr denn immer noch zufrieden mit dem fertigen Ergebnis?

 

Klar, selbst nach einem gewissen Abstand sind die Songs immer noch prägnant für mich. Wir haben sehr lange an diesem Album gearbeitet und somit habe ich persönlich eine ganz besondere Beziehung zu den Songs. Sie sind mein Baby.

 

Eine Frage brennt mir besonders unter den Nägeln: Was hat eure martialische Aufmachung für einen Hintergrund?

 

Du wirst lachen, das hat überhaupt keine Bedeutung. Es ist einfach Heavy Metal den wir spielen und den wir durch unsere Optik nur noch verstärken wollen. Manche arbeiten mit Lichteffekten oder mit Pyros, wir mit unserer Optik. Und macht es auch einfach mehr Spaß, mit dem Publikum zu interagieren. Hinter unserem Bühnenoutfit steht wirklich absolut nichts.

 

Wie lange braucht ihr, um für die Show präpariert zu sein?

 

Jussi: Gut eine Stunde.

 

Also genauso lange wie meine Frau morgens das Bad blockiert…

 

(beide lachen) Ja genau, da sind Frauen schon recht eigen.

 

Jussi: Ich muss noch was zu den Kostümen sagen: Ich finde einfach, das unser Bühnenoutfit perfekt unsere Musik untermalt. Wir würde das aussehen, wenn wir als Aliens über die Bühne toben würden (lacht)

 

Wie haltet Ihr das eigentlich bei einem Konzert in Euren Fellen aus? In Wacken waren im Zelt gefühlte 80 Grad und ich bin in meinem T-Shirt schon ausgelaufen…

 

Mathias: Oh ja, es war verdammt heiß. Aber hier auf Tour spielen wir in größeren Hallen, da ist das kein Problem. Wenn Du aber in Clubs spielst, wo du mit dem Kopf an die Decke stößt, dann kann es schon extrem werden. Wir haben auf unserer Headliner Tour in England in Manchester gespielt und unser Gitarrenroadie hatte ein Gerät dabei, mit dem man die Luftfeuchtigkeit messen kann. Das waren satte 99% und die Temperatur pendelte zwischen 50 und 60 Grad und wir mittendrin mit unseren Fellen. Das war echt der Hammer (lacht). Ich musste während des Gigs Brezeln zu mir nehmen, damit ich meinem Körper wenigstens etwas Salz zurückgeben konnte. Es war echt heißer als heiß…

 

Jussi: Wir haben geschwitzt wie die Schweine…

 

Dann werden die südamerikanischen Fans lange auf Euch warten müssen…

 

(beide lachen lauthals) oh ja, das wird noch dauern. Vielleicht erfindet mal jemand einen Pelz mit Belüftung…

 

Die Festivalsaison ist (leider) vorbei und Ihr ward ziemlich präsent. Gerade in Wacken sind die Leute im Zelt völlig ausgerastet. Du sagtest auf der Bühne, das die Fans die besten des ganzen Jahres wären…

 

Mathias: Wacken war das beste Publikum. Die Leute sind völlig durchgedreht, haben mitgesungen, das Wetter war geil, es war fantastisch.

 

Es gab ja auch einige Clips davon auf YouTube. Was hältst du eigentlich von solchen Plattformen oder Filesharing?

 

Mathias: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Für die Fans ist es eine schöne Sache, einfach und leicht an Clips zu kommen. Auf der anderen Seite ärgert es mich tierisch, wenn wir auf der Bühne performen und man blickt in hunderte LCD’s. Manchmal komme ich mir dann eher vor wie auf einer Pressekonferenz (lacht) Es kann ja nicht sein, das da irgend so ein Depp den ganzen Gig mitschneidet, um ihn dann zuhause am Monitor zu schauen. Das ist doch totaler Quatsch, dafür gehe ich doch nicht auf ein Konzert. Die Tauscherei und das Downloaden ist ebenso ein Punkt. Als Musiker freue mich einerseits, wenn dadurch meine Band und die Musik bekannter werden, doch du hast keine Kontrolle darüber und so was macht mich dann doch schon sauer. Aber versteh mich nicht falsch, gegen ein paar Fotos habe ich gar nichts, da ist schon völlig in Ordnung.

 

Auf Eurer fantastischen Homepage hast Du in einzelnen kleinen Videoclips jeden Song von „The varangian way“ selber kommentiert. War das auch so eine Idee von Dir?

 

Mathias: Ja, auch das ist auf meinem Mist gewachsen. Ich fand es einfach eine gute Idee, die Story aus meiner Sicht zu erklären und den Leuten näher zu bringen. Klar wäre mir eine DVD als Spielfilm über unser Konzept lieber, aber für so was braucht man eine Unmenge an Geld und Support. Aber mal sehen, in der Zukunft wäre so was mit Sicherheit eine aufregende Sache.

 

Ihr hattet auf Eurer mySpace Seite 45.000 Klicks auf Euren aktuellen Videoclip „Rasputin“, dazu noch den Auftritt auf der Rock Hard DVD…

 

Mathias: Ach ja? Davon wusste ich gar nichts…auf der Rock Hard DVD? Mann, das ist ja cool. Das Video selbst ist so eine Sache gewesen. Mich stört es etwas, das gerade unser erster Clip ausgerechnet einen Song beinhaltet, der nicht von uns stammt (Boney M-der Verf.) Auch mit der Seite wusste ich nicht…Hey, wir starten durch (lacht)

 

Dann macht es dir auch nichts aus, das Du in dem Videoclip mit dem Hut und den ganzen Klunkern aussiehst, wie ein Zuhälter?

 

Mathias: Ach nö, das war einfach nur lustig und hatte keine tiefere Bedeutung. Das ging auch alles so schnell, weil wir nur einen Tag Zeit hatten und das Ding schnellstmöglich abdrehen mussten. Aber der Hut war schon krass (lacht)

 

Habt Ihr eigentlich noch Kontakt zu Eurem alten Gitarrist Georg Laakso?

 

Mathias: Natürlich, Georg war von Anfang an dabei und wird immer ein Teil von uns bleiben. Er ist nur leider in der Situation, dass er für immer an den Rollstuhl gefesselt sein wird und nie wieder Gitarre spielen kann. Wir haben auch in Zukunft nicht vor, den Posten an einen zweiten Gitarristen zu vergeben weil mir gemerkt haben, dass es auch so geht. Ich bin aber nicht so sentimental zu sagen: Dieser Platz wird nie mehr vergeben, es geht aber auch so…

 

10 Jahre Turisas. Eine Bilanz?

 

Mathias: Um Himmels Willen, wir haben die Band damals gegründet um heimlich vor unseren Eltern versteckt saufen zu können (lacht) Wir hatten am Anfang überhaupt keine Ambitionen, irgendetwas zu reißen…

 

Jussi: Unser Traum war, einmal in unserer Schule spielen zu können. (beide lachen) Die Zeitrechnung begann 2000 mit unserem ersten Demo, danach wurde alles etwas professioneller. Aber wir machen weiter unsere Musik zum Spaß. Wenn der nicht mehr sein sollte, wirst Du von uns nichts mehr hören.

 

Meine Standardfrage zum Schluss: Welches war die erste Metal Scheibe, die Ihr Euch je gekauft habt?

 

(beide grübeln lange) Jussi: Hm, wenn AC/DC auch zählt, dann war es die „Blow up your video“

 

Mathias: Ich glaube bei mir war es Megadeth’ „Countdown to extinction“. Ganz schon spät, oder? (lacht) Aber besser spät als nie…

by  olaf@pommesgabel.de

 
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