Donnerstag, der 09. September 2010
 
 

Interview: Equilibrium

 

PIMP MY WURZELBERT

 

Pagan Metal ist immer mehr im Kommen. Nicht nur, das Bands wie Eluveitie oder Moonsorrow unerwartete Charterfolge feiern, nein, auch die Tourneen dieser im Folk verankerten Spielrichtung des Hartmetalls sorgen immer wieder für volle Häuser. Wenn dann auch noch deutsch gesungen wird, ist ein rundum perfekter Hörgenuss für mich gegeben. Umso schöner ist es zu sehen, das nicht nur in der Hochburg des pagan-Folk-Metals in Thüringen dem heidnischen Treiben gefrönt wird, auch in der bajuwarischen Hauptstadt München zupft man in Thing ergriffen die Laute und produziert so mit "Sagas" ein schlicht und ergreifendes Meisterwerk in Sachen unheiliger Musik.

 

Verantwortlich für diese 78 Minuten vollsten Musikgenusses ist der Fünfer Equilibrium, der nach dem begeisternden Debüt „Turis fratyr“ mit seinem Zweitlingswerk und einem Majordeal im Rücken sich anschickt, die Welt im Sturm zu erobern. Symphonische Klänge, irre Melodien und eine klasse Produktion machen „Sagas“ zu einer der Platten des Jahres. Also alles eitel Sonnenschein im Hause der Bayern? Ich griff zum Hörer und fragte bei Fronter Helge Stamm nach dem momentanen Befinden…

 

Etwas erschwerend wirkte sich mein Handy auf dieses Gespräch aus, da die Aufnahmefunktion meinte, jeweils nach 15 Sekunden einen Piepton zu versenden, welches Anfangs mächtig nervte, im Laufe des Gesprächs allerdings in den Hintergrund rückte…

Achtung, ab jetzt wird das Gespräch mitgeschnitten…

 

(lacht) Du klingst aber nicht gerade wie ein Berliner?

 

Bin ick aber, waschecht, sojar. Du klingst aber och nich wie een Bayer…

 

Stimmt, ich komme ja auch ursprünglich aus Berlin Steglitz (lacht) Ich konnte mich aber damals der Umsiedlung noch nicht widersetzen. Man hat mir keine Wahl gelassen. Ich habe auch mal versucht herauszufinden, wo ich einst gewohnt habe, bin aber kläglich gescheitert. (lacht)

 

Übrigens Danke, das wir so unkompliziert miteinander sprechen können, was ja bei Nuclear Blast Bands nicht immer ganz einfach ist…

 

Habe ich auch schon gehört, gerade was die Promos anbelangt. Es gibt hier in München ein Fanzine, mit dem wir natürlich öfter zu tun haben, die leiden auch etwas darunter…

 

Nu sind wir aber nicht hier, um die Plattenfirma in die Pfanne zu hauen. Kommen wir zum Wesentlichen. Das Album…

 

(ziemlich gelangweilt klingend) Ach ja, das Album…(wir müssen beide lachen)

 

Wie waren denn die bisherigen Resonanzen? Ich war stark verwundert, das beispielsweise in der aktuellen Ausgabe des Branchenführers der metallischen Printmedien kein aktuelles Review zu finden war…

 

Dafür war da mal ein Vorab Review drin. Doch Album des Monats wären wir bestimmt nicht geworden. Vielen Leuten scheint das Album wirklich zu gefallen und auch das Ausland meldet sich zu Wort. Insbesondere aus Amerika kamen eine ganze Menge Reaktionen. Was ich allerdings so überhaupt nicht erwartet habe ist, dass die Leute das Album mit dem Vorgänger „Turis fratyr“ vergleichen. Da habe ich zu keiner Zeit wirklich drüber nachgedacht. Aber es scheint für viele Leute wichtig zu sein, das neue Album mit dem alten in Relation zu bringen anstatt zu sagen: Das neue Album ist gut oder schlecht (lacht). Es heißt immer: Das neue Album ist besser als das letzte, oder es ist schlechter…das verwundert mich schon. Naja, wieder was dazugelernt.

 

Das ist ja eher ein Vergleich mit Äpfel und Birnen…

 

Das sehe ich genauso. O.k., in Punkto Produktion ist die ganze Sache fetter und besser geworden als der Vorgänger, da hat Rene (Berthiaume-Gitarrist) ganze Arbeit geleistet. Er hat „Sagas“ produziert, abgemischt, komponiert, auf dessen Mist ist das alles gewachsen (lacht).

 

Dafür ist deine Stimme aber etwas in den Hintergrund geraten…

 

Das hört man häufig. Alles was ich dazu sagen kann ist, das es ziemlich schwierig ist, diese ganze Fülle an Sounds wie Keyboards, Gitarren, Gesang in Einklang zu bringen. Unser Schlagzeuger findet das Schlagzeug zu leise, unsere Gitarristen die Gitarren doch ich bin da ziemlich frei. Der Gesang muss nicht immer im Vordergrund stehen.

 

Solange Ihr nicht die Dragonforce des Pagan Metal werdet und alles mit irgendwelchen Soundeffekten zukleistert….

 

Oh nee, das wird nicht passieren, hahaha…

 

Mir ist halt nur aufgefallen, dass ich im Gegensatz zu „Turis fratyr“ auf „Sagas“ Probleme habe, deine Texte zu verstehen. Was war da eigentlich mit dem CD Booklet, welches so dunkel geraten ist, das man die Texte nicht entziffern konnte…

 

Dafür habe ich das komplette Booklet nochmals online gestellt damit jeder in den vollen Genuß kommen kann. Es ist wirklich dumm gelaufen und ich habe bis heute NICHT IN Erfahrung bringen können, wer da Mist gebaut hat. Unter Strich ist es aber relativ wurscht, da die Leute das Album eh schon im Schrank haben. Es ist ärgerlich, da ich absolut keine Antworten auf meine Fragen erhalten habe. Ich weiß nur, dass ich in Zukunft da keine Lust mehr drauf habe, so was zu machen

 

Wenn ich Dich so reden hören kommt mir unweigerlich in den Sinn, das Du mit der Mucke zwar konform gehst, doch mit vielen Begleitumständen nicht ganz einverstanden, sprich unzufrieden bist…

 

Stimmt, gerade der Faktor Zeit hat eine entscheidende Rolle gespielt. Ich habe nichts dagegen, wenn irgendetwas länger dauert, denn gut Ding will Weile haben (oho, 3€ ins Phrasenschwein, hihihi – Der Verf.) Es ist wirklich saublöd gelaufen, sowohl für uns, als auch die Plattenfirma oder die Leute, die auf die Scheibe gewartet haben. Es ist ziemlich dumm, wenn die Leute in den Plattenladen gehen und eine Scheibe kaufen wollen, die von der Plattenfirma beworben wird, aber nicht da ist, weil sie einfach noch nicht fertig ist. Dann werden einem Termine abgerungen, die wieder nicht eingehalten werden können…das war eine Schraube, die sich immer weiter gedreht hat. Doch unterm Strich war es kluge Entscheidung, denn lieber etwas länger dran arbeiten und was Vernünftiges veröffentlichen, als nur was Halbgares abliefern. Damit ist wirklich niemand geholfen.

 

Mit 78 Minuten ist „Sagas“ wirklich bis ans Limit gegangen…

 

…wobei das gute Stück noch 4 Minuten länger geworden wäre, wir aber zum Schluss etwas weggeschnitten haben. Uns wurde nahe gelegt, aus „Sagas“ ein Doppelalbum zu machen, doch warum? Wenn wir es technisch auf eine CD schaffen reicht das doch völlig aus. Wir wollten ein Album haben, was so voll ist, doch Einige beschweren sich über die Länge. Hey, Ihr könnt doch jederzeit eine Pause machen und einen Kaffee holen (lacht).

 

Wobei man ja davon ausgehen kann, das Ihr Euer 13 Minuten Instrumental „Mana“ sowieso nicht live auf der Heidenfest-Tour performen werdet…

 

Wir haben heute erfahren, das wir eine Spielzeit von 35 Minuten haben werden. Da könnte man jetzt auch wieder sagen: Lieber eine Band weniger, dafür länger spielen, doch das steht mir nicht zu. 6 Bands (Primordial, Eluveitie, Equilibrium, Finntroll, Manegarm und Catamenia…Langhammer hat schon nen feuchten Schlüppi J-der Verf.) ist schon eine ganze Menge. O.k. der Vorteil ist, das jede Band so um die 30 Minuten spielt, der Hauptact 60, das rockst du runter und kannst ungebremst Vollgas geben. Da kommst Du als Zuschauer nie in die Verlegenheit, bei einem Gig von 90 Minuten in Langeweile zu verfallen. Du kriegst halt Bambambam immer richtig eins in die Fresse (lacht). Ist die eine Band weg, kommt die nächste frisch auf die Bühne. Ich freue mich schon tierisch auf die Tour. Seit ich angefangen habe Musik zu machen träume ich davon, auf Tour zu gehen. Das rückt jetzt langsam in greifbare Nähe und ich freu mich drauf wie ein Depp (lacht).

 

Letztmalig habe ich Euch 2005 in Wacken gesehen, danach war es ja etwas mau…

 

…da haben wir mit der ersten Platte gespielt, quasi als kleines Geschenk zum Release. Doch nach 2007 haben die Veranstalter berechtigterweise erstmal auf ein neues Album gepocht…

 

Naja, wobei Finntroll ja auch zu jedem „Dreck“ eingeladen werden, obwohl zwischen „Nattfödd“ und „Ur jorden djupp“ auch 3 Jahre lagen…“

 

Ok, die haben aber ein Stapel CD’s in den Regalen…

 

Ihr habt aber eine treue Fangemeinde. Wenn ich an den Chor in Wacken bei „Met“ denke…

 

Och ja, das war schon geil (lacht). Wir haben schon eine sehr coole Fangemeinde, die auch in der Zeit, wo wir nichts Aktuelles hatten, immer noch bei den Partys eine Mordsstimmung gemacht hat. Dieses Jahr hat es mit den Festivals einfach nicht geklappt, da die CD einfach nicht fertig wurde und die Booker ja bis März die meisten Billings schon komplett hatten. Da ist dann der Drops gelutscht.

 

Warum habt Ihr denn, entgegen der Ankündigung auf Eurer Homepage, dieses Jahr nicht auf dem Ragnarök gespielt?

 

Das war nur „To be confirmed“ (Zukünftig, eventuell bestätigt). War eine ganz witzige Geschichte. Ich habe den Ivo (Veranstalter) in Nürnberg auf dem Bahnhof getroffen und der wollte uns unbedingt wieder dabei haben. Allerdings nur, wenn wir eine neue CD draußen haben würden. Da die CD ja im Januar fertig sein sollte…es kam ja anders…nächstes Jahr werden die Karten neu gemischt. Ich war schon ein paar Mal auf dem Ragnarök und hatte immer mächtig Spaß. Vor 2 Jahren habe ich dort „10 Jahre Metal Konzerte“ für mich gefeiert (lacht). Das war wirklich exakt 10 Jahre nach der „Louder from hell“-Tour.

 

Zurück zum Album. Mein Lieblingssong „Blut im Auge“. Was sieht und sucht der Protagonist in diesem Song?

 

Das ist echt schön, Du bist der Erste, der mich das fragt. Cool. Dieser Song ist mehrschichtig. Was glaubst Du denn?

 

Hört sich für mich wie eine Frau an, wobei mich das göttliche Leuchten am Schluss etwas irritiert…

 

Ja, gar nicht so schlecht. Hast es fast…

 

O.k., nächste Frage…

 

(beide lachen)“Blut im Auge“ funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Früher war „Blut im Auge“ das Kennwort in der Disco, wenn wir eine richtig hübsche Frau gesehen haben…so hübsch, das einem die Augen bluten. Jahre später war ich in Norwegen unterwegs und hatte das Erlebnis, das Nordlicht zu sehen. Dazu kam noch, das es in Norwegen eine Unmenge an hübschen…ähm…Menschen gibt (lacht) Naja, sehr viel Blut im Auge, hahaha. Es ist so ein bisschen ein Reisebericht.

 

Auf „Turis fratyr“ gab es „Met“ und nun den „Wurzelbert“. Musstet Ihr den Song aufnehmen, um eine weitere Hymne im Programm zu haben?

 

(lacht) Der war schon für die erste Platte gedacht, da war er aber noch nicht ganz fertig. Nun lag er da die ganze Zeit auf Halde und wurde nun von uns etwas gepimpt (lacht)

 

Womit Du mir automatisch meine Überschrift geliefert hast. Danke. Sind eigentlich die tollen Melodien auf Euren Alben auch etwas dem weiblich Einfluss in Eurer Band (Sandra-Bass) zuzuschreiben?

 

Nee, überhaupt nicht. Ich muss ehrlich und Fairerweise zugeben, dass die Musik fast komplett von Rene geschrieben wird. Er ist ein wirkliches Genie. Seine Genialität ist dafür verantwortlich, dass die Melodien bei jeder Geschwindigkeit funktionieren.

 

Man erkennt in Euren Songs auch sein Faible für epochale Soundtracks. Wie funktionieren denn die Keyboard Passagen live?

 

Das ist eine Neverending-Story. Der Posten des Keyboarders ist jetzt verwaist, da wir uns für sauteures Geld ein 4-Kanal Mischpult gekauft haben, was auch so ganz prima funktioniert. Es wird auch immer schwieriger für einen Keyboarder, unser Zeug live zu spielen. Wir sind so eigentlich ganz zufrieden.

 

Euer Chartentry auf Platz 30 war ja wohl auch der Hammer…

 

Klar, das ist schon toll, aber nicht lebensnotwendig. Unser Drummer hat nur im Vorfeld gesagt: Wenn wir in die Charts kommen, schmeiße ich eine Party. Die findet morgen statt. Da gibt’s Nudeln und es wird gegrillt. Da wird dann mächtig der Charteintritt begossen (lacht)

 

O.k., dafür seid Ihr hinter Communic und vor Iron Maiden mit „Sagas“ in unseren Charts auf Platz 2…

 

Oh cool. Klasse.

 

Was ist eigentlich „Surströmming“, welches Du in deinem Profil auf der Homepage als Dein schlimmstes Essen bezeichnest? Hörst sich eher an, wie eine Geschlechtskrankheit…

 

(lacht) Ja, gar nicht weit davon entfernt. In Schweden gilt das als Delikatesse, wobei ich nicht soweit gehen würde. Du nimmst einen Hering, packst ihn in eine Dose und lässt ihn gären. Diese Fäulnisgase beulen die Dose richtig aus, deshalb kann man die in den Supermärkten auch nicht stapeln. Ich habe das Teil mal einen Finger lang an meinen Mund herangeführt und habe sofort gekotzt (lacht). Das war echt das Krasseste, was ich FAST gegessen hätte, hahaha.

by  olaf@pommesgabel.de

 
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