Es gibt Tage, an denen die Götter ihre heiligen Hallen verlassen, um mit den Sterblichen in Kontakt zu treten oder wie in diesem Falle, zu musizieren. Dream Theater gaben sich nach langer Abstinenz mal wieder in Berlin die Ehre und wählten die Spandauer Zitadelle als Austragungsort ihres Potpourris feinster musikalischer Ware.
Die Zitadelle, ein Gemäuer aus dem 18.Jahrhundert, an dem ich in meinem Leben mindestens 800 Mal vorbeigefahren bin, ohne es jemals selbst besucht zu haben, entpuppte sich als unglaublich schöne Location mit vielen Fressständen, wunderschönen Biergärten und einem unglaublich vielseitigem Publikum. Neben dem Opeth und Cannibal Corspe Shirt Tragenden, gesellten sich Alt-Proggies mit lehrerhaftem Charme und Eltern mit ihrem musikalischen Nachwuchs. Allerdings schoss der etwa 55 Jährige, mit Wildleder Mini und Higheels ausgestattete Bartträger den Vogel ab. Was haben wir gelacht…
Lobend erwähnen muss ich an dieser Stelle meine Frau Heike, die in 13 Jahren mit mir bisher nur die Toten Hosen und Corvus Corax gesehen hat und sich sofort bereit erklärte, mit mir zu diesem Event zu gehen. Nachdem wir uns mit einigen Kaltgeränken versorgt hatten, es waren immerhin knapp 28 Grad und leicht bewölkt, sprich ideal für ein Open Air, schlenderten wir das wunderschöne Areal ab, speisten noch einige Kleinigkeiten und freuten uns auf das vor uns Liegende…Ach ja, nachdem ich meiner Frau versprach, nächsten Monat einen nicht unerheblichen Geldbetrag in unseren Garten zu investieren, durfte ich mir sogar ein Shirt zulegen, welches mit 30 Euronen allerdings recht heftig war. Egal, so ein Event gehört Shirt-technisch einfach abgearbeitet. Der Kollege vor mir legten 300 Steine auf den Tisch…Unglaublich!!!
Kurz vor 19 Uhr betraten die Polen Riverside die Bühne, um als Opener die Zuschauer mit ihrem Rush angehauchten Pro Rock für den Headliner anzuheizen, doch mehr als Höflichkeitsapplaus ernteten die Mannen aus unserem östlichen Nachbarland nicht. Dies lag vor allem daran, dass sich die sphärischen Songs nicht so richtig über das Gelände verteilen konnte, denn der Sound war sehr dünn. Außerdem kannten wohl viele der Anwesenden nicht einen Song aus dem drei Alben umfassenden Backkatalog des Vierers. War auch eh egal, denn die Masse wollte nur eins: Dream Theater.
Pünktlich um 20:00 Uhr ertönte das „Interludium“ – Intro, welches in der Vergangenheit schon weltklasse von Mekong Delta umgesetzt wurde, und das Warten hatte ein Ende. Äußerst theatralisch wurden die schwarzen Laken von Jordan Rudess Keyboards und Mike Portnoys 3 Bass Drums umfassenden Drumriser gezogen und die New Yorker legten mit „Overture 1928“ und dem anschließenden „Strange Deja Vu“ einen Start nach Maß hin. Das Volk tobte. Äußerst löblich war der nun wirklich fette und differenzierte Sound, aus dem man wirklich jedes Instrument perfekt heraushören konnte. Die erste Gänsepelle gab’s dann bei „Take the time“, bei dem nun wirlich fast Jeder den Refrain mitsang. Es war unglaublich zu beobachten, wie gerade Mister Portnoy seine Drums verdrosch. Im Sitzen, im Stehen, mit einem Drumstick, mit zweien, einmal sogar mit Dreien. Heike bekam den Mund vor Erstaunen gar nicht mehr zu. Nun wurde es Zeit, ein paar neue Songs vom aktuellen „Systematic chaos“ Silberling auszupacken und es war schön mit anzusehen, das der Thrasher „Constant motion“ wie auch „The dark eternal night“ wunderbar ins gesamte Programm von DT passen. James LaBrie sang wie ein junger Gott, bis zu diesem Zeitpunkt passte alles.
Nun bekam ich allerdings einen Harten wie schon lange nicht mehr: „Surrounded“, mein absoluter Lieblingssong, wurde dargeboten mit einem überirdischen Jordan Rudess, der dem Song noch mehr Atmosphäre gab als er so schon hat. James LaBrie schaffte hier selbst die höchsten Töne und ich konnte mich gar nicht mehr einkriegen. Ein weiterer Höhepunkt kam dann etwas später mit der neuen Single „Forsaken“, der auch hier von vielen Kehlen mit intoniert wurde und der Band ein Grinsen abrang. Selbst der Thrasher vor mir, der scheinbar nur für seine Freundin mitgekommen war, fing an, systematisch seine Rübe zu schütteln. Vorbildlich!!!
Nach „Home“ gingen DT erstmals von der Bühne, um dann vielumjubelt mit „Wait for sleep“ (Gänsehaut Attacke Nummer Zwei) und dem anschließenden „Learning to live“ nochmals dem besten Album der Band Tribut zu zollen. Leider war’s das dann auch schon, denn um 22:00 Uhr muss alles in Sack und Tüten sein und so kamen DT auf „magere“ 2 Stunden Spielzeit, die allerdings ohne Schnörkel wie Drum- oder Gitarrensolos der einzelnen Protagonisten ausgekommen waren. Es war obergeil, dennoch hätte ich auch gerne Songs a’la „The silent man“, „Hollow years“ oder „Disappear“ gehört, aber dafür werde ich hoffentlich dieses Jahr noch Gelegenheit haben. Es war ein fantastischer Abend…
P.S. Der anschließende Stau auf der Stadtautobahn, verursacht durch eine Tunnelsperrung, war dann allerdings doch etwas abturnend. Wie kann die Senatsverwaltung für Straßenbau bitte die wichtigste Autobahn Berlins sperren, wenn zusätzlich noch 60.000 Leute vom parallel stattfindenden Grönemeyer Open Air im Berliner Olympiastadion nach Hause fahren??? Fuck you!!!
Setlist:
Intro (Interludium 2nd version)
Overture 1928 (Metropllis Pt.2 Scenes from a memory)
Strange Déjà vu (Metropllis Pt.2 Scenes from a memory)
Take the time (Images and words)
Constant motion (Systematic chaos)
The dark eternal night (Systematic chaos)
Surrounded (Images and words)
Never enough (Octavarium)
Endless sacrifice (Train of thought)
Forsaken (Systematic chaos)
Home (Metropllis Pt.2 Scenes from a memory)
Wait for sleep (Images and words)
Learning to live (Images and words)