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28. April 2017


           
Magazin

 

 

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 Ragnarök

Oh, guten Tag! Sie sind´s wieder... Na, weiden Sie sich an meinem Leid? Ist es schön, mich dabei zu beobachten, wie ich in diesem blöden Baum hänge? Ja, die Rache Odins ist hart: neun Tage hing er in der Weltesche um die Runen zu finden; bis zu meinem Tode soll ich hängen, da er sich von mir verraten fühlt.

Wie es dazu kam, möchten Sie wissen? Nun, bitte verscheuchen Sie für einen kurzen Moment diese beiden nervigen Raben und ich werde Ihnen alles berichten...

Es war ein Tag wie jeder andere. Ich saß in meinem Skriptorium in der Firma "Da oben irgendwo" und korrigierte apokalyptische Prophezeiungen. Seit über einem Jahr war ich nun dabei und es war kein Ende abzusehen! Bibeln, wohin man schaute. Nicht mal den europäischen Bestand hatte ich fertig, als mich die Botschaft erreichte, daß inzwischen eine große Tageszeitung das Buch der Bücher in Auftrag gegeben und unter dem Namen "Volksbibel" auf den Markt gebracht hatte. Natürlich auch mit der althergebrachten, mittlerweile falschen Beschreibung der Apokalypse... Sie können sich sicher vorstellen, daß ich mit meinen Nerven am Ende war. Gabriels´ Einladung zur "meditativen Entspannungsübung" ließ meine Laune nicht gerade steigen.

Auf der Erde näherte sich daß Weihnachtsfest, und so war es nicht sehr verwunderlich, daß plötzlich die hochschwangere Maria bei mir auftauchte. "Na, kommst du mit deiner Arbeit voran? Ich habe dir immer gesagt, daß der Weltuntergangsjob nicht gut ist! Aber nein, du wolltest ja nicht auf mich hören." Ich ersparte mir jeglichen Kommentar. Wie soll man auch eine Frau, die den Heiland jedes Jahr wieder gebären muß, vom Sinn eines Weltunterganges überzeugen?

Zu meiner großen Freude überreichte sie mir aber ein kleines Päckchen. Unglaublich, aber wahr: mein Zöglinge auf der Erde hatten es fertig gebracht, eine neue CD zu veröffentlichen. Vor lauter Arbeit hatte ich das gar nicht mitbekommen.

Kurzentschlossen ließ ich die Bibeln Bibeln sein und hörte mir das neue Werk an. Herrlich! Während ich mich von den Klängen der Reiter berieseln ließ, wagte es Petrus, meine Pause zu stören. Sichtlich um Fassung ringend, stieß er hervor: "Da ist jemand, der Dich besuchen will. Von der gegenüberliegenden Seite. Ich wollte ihn gar nicht rein..." Petrus wurde grob von einer ziemlich großen, sehr finsteren Gestalt beiseite geschoben: "Schweig, und nimm´ Deinen Posten als Pförtner wieder ein!". Für einen kurzen Augenblick war ich etwas verwirrt, aber schon nahm die Gestalt menschliche Züge an. Ein wenig zu groß vielleicht, der Bart etwas barbarisch, aber unverkennbar: mein alter Bekannter Loki. "Von Dir hört man ja allerhand! Wie kann man denn die Apokalypse vermasseln?" "Ich hab´ sie nicht vermasselt, ich hab´ nur den Plan geändert. Weißt Du, vier Reiter sind bei der heutigen Überbevölkerung der Welt etwas wenig, fünf müssen es schon sein. Aber Du weißt ja, Verträge. Ich muß vorher nur noch die Bibeln und so berichtigen und dann geht´s endlich los." "Scheißjob! Oder? Du siehst völlig fertig aus! Wärste mal lieber bei uns angefangen..." "Hmmm. Zu spät."

Während Loki und ich seinen mitgebrachten Met leerten, erklang plötzlich "Lazy Days". Wer dieses Lied kennt, weiß, was es auslösen kann. Dazu meine angegriffen Nerven und ich schrie lauthals: "Ich will URLAUB!!! Und ich will meine Reiter. Und meine Ruhe. Und Reitermania..." Das ich nicht in Tränen ausbrach, ist nur meiner eisernen Disziplin zu verdanken. Geschockt starrte Loki mich an und fragte zaghaft: "Äh, möchtest Du mich vielleicht nach Asgard begleiten? Kein Problem. Da kannst Du entspannen und wenn Du willst, bleibst Du für immer. Du brauchst nicht hier zu bleiben. Ich kümmer´ mich schon um Dich." Da verließ mich die eiserne Disziplin und schluchzend fiel ich Loki um den Hals: "Du bist ja so lieb!" Im Nachhinein betrachtet, war es sicher nicht sehr klug, ausgerechnet Loki zum Vertrauten zu haben, aber wie gesagt: Überarbeitung...

Umgehend füllte ich den Antrag auf Urlaub für unbestimmte Zeit aus, warf ihn meinem Chef vor die Füße, verließ frohgemut mit Loki an meiner Seite die Firma und überhörte sogar die Zeterei von Petrus.

In Asgard war es dann auch ganz nett. Ich verbrachte einige Tage in Lokis Haus, ließ mich von Thor in Schwertschmiederei unterweisen, feierte lustige Partys mit Freyr und Freyja und philosophierte mit Tyr über Auswirkungen rechtsverbindlicher Gesetzte auf die freie Willensbildung.

Nichtsdestotrotz: irgendwann überkam mich Langeweile. Als ich mich bei Loki darüber ausließ, zauberte er eine altbekannte Stellenausschreibung hervor: Ragnarök vorbereiten. Tatsächlich, der Posten war noch zu haben und es juckte mich als altem Workaholic in den Fingern...

Schnurrstracks rannte ich zu Odin. Mettrinkend saß er entrückt auf seinem Thron. Es dauerte etwas, bis Hugin und Mugin ihn auf mich aufmerksam gemacht hatten, doch dann blicke er mich an: "Du? Du willst Ragnarök vorbereiten? Nun, Loki sagte, du hättest Erfahrung... Schon irgendwelche Ideen, wie du meine müden Krieger wieder auf Vordermann bringst?"

Leicht verunsichert sah ich mich in der Halle um: Tatsächlich, den einst so großartigen Kriegern schienen die Metgelage und Vielweiberei nach mehreren hundert Jahren nicht mehr gut zu bekommen. Sigfried, einst strahlender Drachentöter, schäkerte mit seiner Brynhild rum, der einst prächtige, durchtrainierte Körper schien kaum noch Muskeln zu besitzen. Erik, der Rote schnarchte mit Olav Tryggvason in einer Ecke um die Wette und Göttrik von Dänemark trug nicht mal mehr ein Schwert bei sich...

"Och, das... das ist gar kein Problem, Odin! Mit ein bißchen Training und guter Ernährung sind die im Nullkommanix wieder fit." "Ach ja? Und wie willst Du das bewerkstelligen? So ganz alleine?" "Ähm, nun, sie bräuchten nur... Vorbilder. Ja genau: Tapfere Helden, die ihnen den Kampfgeist zurückgeben. Walhall ist doch voll von den mächtigsten Kriegern, da muß sich doch jemand finden lassen." "Äh, nö - wäre es so einfach, bräuchte ich niemanden, der die Krieger auf Ragnarök vorbereitet! Sieh´ zu, daß Dir was einfällt." Mit diesen Worten durfte ich die Halle wieder verlassen.

Da hatte ich nun einen neuen Job, aber nichts, was es mir möglich machen würde, erfolgreich zu sein...

Aber halt! Hatte ich nicht bereits prachtvolle Helden gezüchtet? Ob Apokalypse oder Ragnarök – wo sollte da der Unterschied sein??? Fröhlich pfeifend fragte ich Loki, wie ich schnellsten auf die Erde, genauer gesagt nach Thüringen kommen würde. Er organisierte mir eine Mitfahrgelegenheit in Thors Ziegenkarren und der große Moment war da:

Ich befand mich in Weimar, direkt vor dem Proberaum von "Die Apokalyptischen Reiter". Ja, gleich würde ich "meinen" Jungs unter die Augen treten und ihnen endlich, endlich offenbaren, was ihre Bestimmung war. Okay, ich fühlte mich bei dem Gedanken nicht wirklich gut... Was, zur Hölle, sollte ich auch sagen? "Hey, Reiter! Ich bin euer größter Fan. Und ich habe euch erschaffen. Und ihr müßt tun was ich euch sage?" Nein, damit käme ich sicher nicht weit. Loki hatte vor meiner Abreise was davon gemurmelt, ich solle mich als neuer Inhaber von NuclearBlast ausgeben, die Reiter unter einem Vorwand betrunken machen, sie betäuben und nach Asgard entführen. Das erschien mir aber zu kompliziert, vorallem weil ich plötzlich die unvergleichbare Musik aus dem Proberaum schallen hörte. Vergessen war, daß ich mich auf der Erde befand, alle Sorgen schienen verschwunden und wie hypnotisiert, näherte ich mich der Tür. Wie von Zauberhand ging sie auf (na gut, ich habe fest dagegen gedrückt, aber "wie von Zauberhand" klingt besser, meinen Sie nicht?) und ich stand meinen Helden gegenüber...

Einige Sekunden starrten wir uns verwirrt an, dann fragte Pitrone ungnädig: "Wer bist du und was willst du?" Hm, das lief ja wenig erfolgversprechend... "Ähm, also... Eigentlich... Naja, in Wirklichkeit seid ihr gar keine Musiker, sondern Helden und ich will euch mit nach Walhall nehmen." Puh – so, die Wahrheit war endlich heraus... Aber anstatt in Jubel auszubrechen, wie ich´s mir wohl insgeheim gewünscht hatte, fingen Fuchs und Volk-Man an, lauthals zu lachen. Dr. Pest gab höfliche aber dennoch unflätige Beschimpfungen von sich und Pitrone sprach was von wegen, in eine Irrenanstalt einweisen. Nur Sir G. verhielt sich mir gegenüber loyal: er sagte gar nichts.

Bevor ich mich versah, stand ich wieder draußen vor der Tür und war dem Ragnarök noch keinen Schritt näher. Also setzte ich mich in den, zum Glück unverschlossenen, Reiterbus und wartete. Und wartete und wartete.

Loki, der das unangekündigte Auftauchen zu seinem neuesten Hobby erkoren hatte, riß mich aus meinen Gedanken: "Hey, wie läuft´s? Warum bist du hier draußen, während deine Reiter da drinnen sind?" Hmpf. Ausgesprochen klingt es wirklich schrecklich: Die Jungs drinnen, ich draußen. Mein Kampfgeist war wieder erwacht und eine Lüge kam mir leicht über die Lippen. "Och, gar kein Problem! Die Reiter packen nur noch schnell ihre Sachen zusammen und dann kommen wir sechs direkt in Odins Halle. Sei doch so gut, und geh´ vor, um ihm Bescheid zu sagen." "Okay, aber denk´ dran: Odin läßt sich nicht gerne hinhalten."

So, ein paar Minuten hatte ich also gewonnen. Was tun? Die Musik war inzwischen verstummt und so folgerte ich, daß die Jungs genug geübt hätten. Aber warum kamen sie nicht raus? Schweren Herzens entschloß ich mich, einfach noch mal zu ihnen rein zu gehen. Vielleicht wäre der Empfang diesmal herzlicher...

Und tatsächlich, ich fand die Reiterlein grinsend auf dem Sofa, keiner schien mehr bei klarem Verstand zu sein. Etliche Wodka- und Bierflaschen lagen auf dem Boden, natürlich leer. Aber wenigstens gab´s keine dummen Kommentare. Pitrone murmelte: "Ich weiß zwar immer noch nicht, wer du bist, aber egal: setzt dich und trink ein Bier mit."

Tja, da saß ich nun. Meine strahlenden Helden betranken sich und ich wußte immer noch nicht, wie ich sie nach Walhall bringen sollte. Irgendwie mußte ich die Reiter davon überzeugen, daß sie in meinen Diensten stünden, aber es ergab sich einfach keine Gelegenheit.

Ein Wunder wäre mir sehr gelegen gekommen, aber nein, ich wollte ja unbedingt Event-Manager werden und hatte somit die Kurse "Wunderbewirken im christlichen Sinne" und "Weiße Magie" nicht belegt. Loki ließ sich nicht blicken, also mußte ich dieses Problem alleine lösen.

Mein Blick fiel auf den Mjöllnir-Anhänger, die unübersehbar um Volk-Mans´ Hals baumelte... "Äh, Volk-Man, sag´ mal, interessierst du dich für germanische Mythologie oder die Religion der alten Wikinger?" "Ja klar, irgendwie tun wir das alle - warum?" Gewonnen! Da hatte ich ihn doch glatt in die Ecke gedrängt! Er war besoffen, bekifft oder was auch immer und gab zu, sich für den ganzen Krempel zu interessieren, der mich beruflich einspannte... "Hey, wollt ihr mal den Ziegenwagen von Thor sehen?" Lautes, amüsiertes Gegröle war die Antwort auf meine Frage... "Klar, und am Besten gleich ab damit nach Walhall!"

Geschafft! Es war ein leichtes, meine geistig nicht mehr ganz zurechnungsfähigen Reiter zum mit Thor verabredeten Abholplatz zu bugsieren.

Sichtlich amüsiert über die Ziegenböcke und beeindruckt über das vermeidliche Kostüm begrüßten die fünf Reiter Thor mit den Worten: "Wir wissen ja, daß ihr Maniacs verrückt seid, aber so verrückt?...Ihr Strolche!" und nahmen lachend in seinem Wagen Platz. Ein flehender Blick und ein gezischtes "Ich erklär´ Dir´s später!" ließ Thors Kommentar unausgesprochen...

In Asgard angekommen, waren die Reiter wieder ausgenüchtert und sichtlich irritiert – ich bemühte mich gar nicht erst, irgendwelche Ausreden zu erfinden oder besonders freundlich zu sein. Drohend gebot ich ihnen: "Wir gehen jetzt zu Odin. Ihr haltet die Klappe und werdet tun, was ich euch sage. Der einzige, dessen Befehle ihr außer den meinen zu befolgen habt, sind die des Hohen selbst." Dem Schock ist es wohl zu verdanken, daß die Fünf mir auch wie brave Schoßhündchen folgten.

"Odin, Ragnarök wird stattfinden. Dies sind die Helden, die Deine Krieger ausbilden und in die Schlacht führen werden. Die Ragnarökschen Reiter!" Leider, leider hatte ich nicht daran gedacht, daß Metal-Musiker verdammt hart im Nehmen sind und sich mit ungewohnten Situationen erstaunlich rasch zurecht finden. Der erste, der mir in den Rücken fiel, war der, von dem ich es am wenigsten erwartet hatte: Sir G. Im Nachhinein ist natürlich weniger erstaunlich, was er sagte, sondern das er was sagte: "Wir sind Die Apokalyptischen Reiter. Nicht Die Ragnarökschen Reiter – merkt euch das."

Odins finsterer Blick traf mich: "Und das soll was werden???" "Sicher, Herr. Sie sind nur ein wenig, äh, gestreßt von der Reise."

Volk-Man trug zur Rettung der Situation nicht das Mindeste bei, als er Odin fragte: "Okay, vorausgesetzt, das hier ist alles echt und du bist wirklich Odin. Warum willste denn das Ragnarök haben? Immerhin wirst du´s nicht überleben." Ich brauchte Urlaub. Ganz dringend...

"Schweig! Du erwartest nicht ernsthaft eine Antwort, oder?" "Äh, doch. Immerhin steht in der Edda, daß..." "Wenn du die Edda so gut kennen würdest, dann wüßtest du, daß Ragnarök nicht zu verhindern ist." "Ja, aber du mußt es doch nicht beschleunigen. Sieh´, wir könnten jetzt in Ruhe etwas holländischen Tabak rauchen und dann schickst du uns nach Hause. In zwei Stunden haben wir nämlich einen Auftritt und..." "Narr! Dir ist dein Auftritt wichtiger, als Baldurs Rückkehr aus der Unterwelt???" Ich versteckte mich derweil ganz unauffällig hinter Dr. Pest – wenn Odin mich jetzt sehen würde, wär´s aus mit mir...

Unvermittelt rettete Tyr die Situation: "Hoher, laß´ die Menschen sich erst ein wenig eingewöhnen. Die Situation ist für sie nicht leicht. Bedenke, es sind keine wirklich Gläubigen und sie sind nicht von den Walküren her geführt worden. Wir werden sie ein wenig herumführen, in die Gebräuche deiner Halle einweisen und dann werden sie nach deinem Willen handeln."

Mit einer lässigen Handbewegung scheuchte uns Odin davon und ich mühte mich, die drängendsten Fragen der Reiter zu beantworten. Wo sie waren und was sie hier sollten. Nur das Warum konnte ich ihnen nicht verständlich machen. Nach erregter Diskussion versprachen mir die Jungs, sich die Sache mit dem Ragnarök zu überlegen. Ich wies ihnen erstmal ein Zimmer in Lokis Haus zu, bleute ihnen die wichtigsten Verhaltensregeln ein und dann machten sich die Fünf auf, Asgard zu erkunden.

Seufzend vertiefte ich mich in meine Arbeit. Ich mußte noch viel nachforschen: welche Anzeichen Ragnarök ankünden würden, wo der erste Angriff stattfinden sollte und so weiter. Viel Papierkram, aber im Grunde genommen nicht allzu kompliziert. Dennoch schrak ich auf, als Loki meine Kammer betrat. "Nun, ich glaube, dein Ende ist gekommen!" teilte mir der Listenreiche grinsend mit. "Du scheinst deine Helden nicht gut unter Kontrolle zu haben."

Nicht gut unter Kontrolle war die Untertreibung des Jahrhunderts! Das wurde mir jedenfalls schnell klar, als ich panisch durch Asgard lief und die Verfehlungen meiner Reiter mitbekam.

Als erster stolperte mir Sir G. über den Weg. Genauer gesagt wurde er von Leif Erikson auf mich zu getrieben. "Dein feiner Zögling hier, wollte mich einem Stock verprügeln!" "Wollte ich gar nicht." "Jawohl." "Nein." Bevor sich die Beiden an die Gurgel gingen, bat ich darum, den Sachverhalt aufzuklären. Sir G. erklärte mir auch umgehend, was vorgefallen war: "Du hast doch gesagt, wir sollen die ollen Wikinger hier wieder in Helden verwandeln, damit sie beim Ragnarök ihren Job machen können. Naja, ohne Training geht das nun mal nicht!" "Er hat aber mit einem Stock auf mich eingedroschen!" "Gar nicht, ich habe Leif gesagt, ich werde mit ihm üben. Japanische Kampfkunst. Kendo." "Sir, erstens, darfst Du mit den Leuten hier nur trainieren, wenn sie eingewilligt haben und zweitens ist Kendo nicht vorgesehen. Japanische Kampfkunst ist nich´ so deren Ding. Das könnten die Jungs hier als Ehrbeleidigung auffassen. Versuch´s nächstes mal mit Wiki-Fechten, Achter-Rhythmus, okay?" "Hmmm, na gut. Vielleicht." "Leif, Sir G. wollte dich also nicht verdreschen, sondern deine Kampfkunst herausfordern. Also, laß es gut sein." "Nö, ich hab´ kein Bock auf diesen Schwachsinn. Ich geh´ zu Odin und beschwer´ mich über euch. Ach ja, und den ollen Reiter hier, nehm´ ich gleich mit."

Na, klasse... "Leif, ich verstehe ja, daß Du in Deiner Ehre gekränkt bist, aber da ich Sir G. hergebracht habe, ist seine Verfehlung auch meine. Bitte warte bis ich in Odins Halle bin, bevor Du ihn öffentlich anklagst. Ich muß nur noch schnell was erledigen." "Na gut. Aber warte nicht zu lange!" Puh, zumindest etwas Zeit hatte ich gewonnen, um die anderen Reiter einzusammeln...

Es wurde aber nicht besser. In der Ferne erkannte ich Fuchs, wie er sich bemühte, Sleipnir zu seinem Freund zu machen. Als ich mich darum kümmern wollte, kam allerdings schon Tyr zornentbrannt auf mich zu: "Ich rate dir, verlasse Asgard umgehend und nimm deine Reiter mit!" "Öhm, warum?" "Weil, einer von denen meine Fähigkeit anzweifelte, einen vernünftigen Knoten zu binden! Mit einer Hand wäre es wohl nicht möglich, den Fenriswolf zu fesseln. Dr. Pest ist jetzt hin und will es kontrollieren. Einen Gott kontrollieren! Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Ich hoffe, der Wolf frißt ihm die Stacheln einzeln von der Maske und reißt ihm dann die Kehle auf!" Verdammt – das mußte ich unbedingt verhindern. Was tun? Fuchs vor den Verbrechen bewahren, sich auf Sleipnirs Rücken durch die Welten tragen zu lassen oder den Doktor vor dem sicheren Tod durch den Fenriswolf retten?

Wohl an, Fenrir ist unbestreitbar schlimmer als ein achtbeiniges Pferd – ich rannte los und beobachtete entsetzt, wie sich der Fenriswolf bemühte, Dr. Pest zu töten, während dieser in aller Seelenruhe die Ketten des Wolfes betrachtete.

"Bitte, Doktor, laß den Fenriswolf in Ruhe! Kannst Du nicht einfach drauf vertrauen, daß es Tyr sehr wohl möglich ist, Fenrir bis zum Ende der Zeit zu fesseln?" "Schon, aber wie hat er das gemacht?" "Erstens mal hat er wohl keine Bänder aus´m Baumarkt genommen und zweitens ist Tyr ein Gott." "Na und? Irgendwie muß doch..." Ich gab auf. So wichtig ist ein Keyboarder auch nicht. Zumindest nicht, wenn das eigene Leben wie ein Kartenhaus zusammenfällt und das Leben von vier weiteren Reitern auf Messers Schneide stand. Immerhin werden in jeder MetalHammer-Ausgabe diverse Musiker zur Pacht angeboten... "Nun gut, spiel´ weiter mit dem Wolf – aber wenn er Dich beißt, beklag´ Dich nicht."

Die nächste Katastrophenmeldung erreichte mich durch Heimdall: "Der Fuchs hat sich Sleipnir gefügig gemacht. Er will nach Muspelheim um zu gucken, was da so los ist. Vielleicht solltest du Odin bitten, einzugreifen..."

Zu allem Überfluß gesellte sich Frigg zu uns. Sehr aufgebracht berichtete sie, daß es sich Pitrone und Volk-Man in Walhall bequem gemacht hätte und Odin an den Rande des Wahnsinns trieben. Ehrlich gesagt, die Details interessierten mich schon fast nicht mehr.

Tja, mir blieb wohl nichts anderes übrig, als mich der Wahrheit zu stellen. Ich hatte meine Reiter definitiv nicht unter Kontrolle und die althergebrachten Gesetzte der Asen und Wannen schienen für sie nicht zu gelten. Ich sollte Odin um Gnade anflehen und ihn bitten, dieses Intermezzo irgendwie zu beenden...

Aber nein, vorher wollte ich doch noch versuchen zu retten, was zu retten war. Mit unglaublicher Willensanstrengung besann ich mich auf die Grundlagen der Telekinese und durch die Kraft der Panik schaffte ich es, mich hinter Fuchs auf Sleipnir wiederzufinden. Wie ein Teufel ritt der Kerl –eine Verschwendung für´s Ragnarök! Ich würde ihn doch lieber bei der Apokalypse einsetzten!- und Muspelheims Flammen schienen ihn nicht zu stören. Einen kurzen, aber unvergeßlichen, Moment genoß ich es, mich von dem faszinierendsten Pferd der Welt tragen zu lassen und lehnte mich seufzend an den Sänger meiner Lieblingsband...

Allerdings fiel mir recht schnell wieder ein, daß das nicht angemessen war. Immerhin ging es hier nicht um Gesang, Reitermania und ähnliches sondern darum, daß ich den Reitern ihren wirklichen Job erklärte! Verdammt, sie waren von mir geschaffen worden, mein Eigentum und wagten es dennoch, sich meinem Willen zu widersetzt!?! Wenn die Reiter nicht die Reiter wären, würde mich ihr Verhalten ernsthaft stören.

"Fuchs? Hälst du es für angebracht auf Odins Roß durch´s Feuer zu reiten? Und ist es dir hier nicht zu warm?" "Zu warm? Quatsch! Du weißt doch, in Neuseeland damals wäre ich fast in den Bergen erfroren! Das ist unangenehmer als Wärme!" "Ja, aber es ist fast genauso idiotisch, sich nicht auf Wettervorhersagen Einheimischer zu verlassen, wie Odins Pferd zu klauen!" "Ich hab´s nicht geklaut! Ich hab´s mir geliehen. Und außerdem war der Hohe Herr damit einverstanden." "Er war damit einverstanden???" Odin sollte sein geliebtes Tier freiwillig einem Menschen leihen? Davon abgesehen war es außer Odin normalerweise niemanden möglich, Sleipnir zu reiten. Da mußte mein Reiter wohl irgendwas mißverstanden haben... "Ja. Er sagte, mein Pferd kannst du dann haben, wenn du es reiten kannst!" Mit Rücksicht auf die empfindsamen Nerven eines Künstlers sagte ich Fuchs nicht, daß Odin mit diesen Worten die Hoffnung aussprach, daß das Pferd Fuchs zertrampelt hätte, bevor er sich dem Tier auch nur auf fünf Meter nähern konnte. Wie auch immer – nach einigem Hin und Her nahm ich Fuchs das Versprechen ab, sich sofort bei Odin zu melden, wenn er genug von Muspelheim hätte und nicht noch einen Ausflug woanders hin zu unternehmen.

Seufzend verließ ich ihn wieder.

Als ich mich Richtung Walhall aufmachte, holte mich Dr. Pest ein. Mit einem ungewohnten Grinsen berichtete er triumphierend: "Siehste: man kann den Fenriswolf wohl losbinden!" Der Fenriswolf war frei??? Um Gotteswillen! Hatte Heimdall schon in sein Horn gestoßen, der Hahn gekräht und hatte ich das Heulen Gorms überhört? War Ragnarök früher als geplant über uns gekommen? Entsetzt starrte ich den Doktor an. Wie selbstverständlich hielt er den Fenriswolf an einer Leine und Fenrir schien seinem neuen Herrn auf´s Wort zu gehorchen...

Ansonsten war alles friedlich, also sah ich davon ab, Yggdrasil aufzusuchen und Güldenkamm den Schnabel zuzukleben.

In Walhall angekommen, brach erstmal Panik aus, als Geri und Freki die Witterung des fremden Wolfes aufnahmen. Odin zuckte verständlicherweise beim Anblick des Fenriswolfes zusammen und gewann seine Fassung erst wieder, als absehbar war, das Fenrir ihn zumindest nicht jetzt verschlingen würde. Auf sämtliche Höflichkeitsfloskeln verzichtend, polterte der Allvater los: "Es reicht! Volk-Man und Pitrone besitzen die Dreistigkeit, meinen Skaldenmet in ihre Wasserpfeifen zu kippen und wollen mit mir über Sinn und Unsinn meiner Welt diskutieren; Sir G. achtet in keinster Weise die Ehre meiner erwählten Krieger; Fuchs macht mir mein Pferd abspenstig und nun wagt es Dr. Pest mit dem Fenriswolf in meiner Halle aufzutauchen? Aus! Ende! Ragnarök wird nicht beschleunigt! Wir werden einfach drauf warten. Die Reiter werden umgehend auf die Erde zurück gebracht, die Walküren werden einen Zauber wirken, damit sie keinerlei Erinnerung an die Geschehnisse in Asgard haben werden. Ich werde irgendwie die Ordnung in der Götterwelt wieder herstellen und du..." sein Blick traf mich auf sehr unangenehme Weise: "Du bist gefeuert! Die Strafe werden wir im Parlament beschließen."

 

Tja, nun hänge ich also hier... Schade eigentlich. Aber... Hm, da Sie gerade da sind und keiner der Götter uns beobachtet, würden Sie mich bitte losbinden? Ich würde jetzt gerne nach Hause gehen. Nach Mittelerde. Ich glaube, Elrond hat gerade die Elben ausgesandt, Aragorn und Théoden im Kampf um Hellms Klamm beizustehen. Da darf ich doch nicht fehlen...

by  Tyrwyn

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