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27. Juni 2017


           
Magazin

 

 

 
 
 

 Drumi, the drum

„Oh, guten Tag! Ähm, ich bin ein wenig überrascht, daß Sie mir Interesse entgegenbringen. Bin ich sonst gar nicht gewohnt. Meistens stehe ich ganz alleine hier im Dunkeln. Nein, ganz alleine stimmt auch nicht. Es sind ja auch noch andere Instrumente da, aber... naja, wissen Sie – ein Schlagzeug ist nicht so angesehen, und deswegen weigern sich andere Instrumente meistens, Notiz von mir zu nehmen...

Nicht, daß sie etwas dafür könnten: Gitarren beispielsweise haben einen so tollen Tarifvertrag, der ihnen mindestens vier Abende am Lagerfeuer im Jahr zugesteht und auch auf Reisen dürfen sie ihre Besitzer begleiten. Gitarren kommen halt viel rum, da haben wir Schlagzeuge natürlich nicht viel zu bieten.

Und Keyboards erst: haben Sie jemals beobachtet, wie innig das Verhältnis zwischen Keyboard und Spieler ist? Fast zärtlich berühren die Hände eines guten Meisters sein Instrument und es schenkt ihm dafür die schönsten Töne. Wen sollte es also verwundern, daß Keyboards in höheren Sphären schweben?

Wir Schlagzeuge hingegen... Welchen Platz in der Rangordnung soll man schon einnehmen, wenn man mehr oder weniger regelmäßig von seinem Besitzer verprügelt wird?

 

Bitte, bitte glauben Sie nicht, daß ich klagen will –Schlagzeug ist ein sehr schöner Beruf- aber... Es ist ja auch nicht so sehr der Schmerz, aber dieser Lärm, dieses Dröhnen in meinem Kopf... Was gäbe ich für eine Kopfschmerztablette! Oder zumindest Ohropax...

 

Sehen Sie, ich war nicht immer ein Schlagzeug. Vielleicht ist das der Grund, warum ich zuweilen mit dem Schicksal hadere. Und nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich jemanden meine Geschichte offenbaren muß. Vielleicht, ganz vielleicht können Sie mir helfen, wenn Sie mich erst verstehen...

 

Eigentlich bin ich ein Hufeisianer vom Planeten Hufeisen. Wir sind von Natur aus ein wissenschaftlich und magisch interessiertes Volk, nur unser Herrscher hat nach einem bösen Reitunfall mit seltsamen Ausfällen zu kämpfen. Ständig wurde er von Visionen heimgesucht, die den baldigen Untergang unseres Planeten ankündigten und ebenso häufig erhielt er geheimnisvolle Botschaften, wie das Unheil abzuwehren sei. Nun, im Laufe der Zeit minimierte sich die –ohne hin nie zahlreiche- Bevölkerung, da die meisten Leute auf den verschiedenen Questen zur vermeintlichen Errettung unseres Planeten ihr Leben ließen.

 

Am Tag als mir bewußt wurde, daß ich der letzte Parapsychologe unseres Planeten war, ließ der Herrscher mich rufen. Übles schwante mir und ich hätte gut daran getan, mich tot zu stellen!

Der Herrscher berichtete mir von seiner letzten Vision: ein Engel solle die Macht besitzen, unseren Planeten zu retten... Finden würde ich diesen Engel auf dem Planeten Erde. In seiner unendlichen Güte gewährte mir unser Herrscher 48 Stunden, um zur Erde zu reisen, den Engel zu finden und nach Hufeisen zu bringen. Sollte ich es nicht schaffen, würde ich in 48 Stunden automatisch ins Nichts geschleudert werden.

 

Wohl an, ich beamte mich –noch voller Freude, denn die Selbstüberschätzung der Jugend ließ mich auf Erfolg hoffen!- zur Erde.

Wir Hufeisianer sind in der Lage, jede beliebige Gestalt anzunehmen, und so wählte ich die unauffälligste Gestalt, die man im Jahre 2003 auf der Erde haben konnte. Ich verwandelte mich in einen Metalhead. (Natürlich männlicher Art, da ich während meines Studiums über die Menschen einiges über die Probleme der weiblichen Art gelesen hatte – das wollte ich mir dann doch nicht zumuten.)

 

Verwirrt stand ich nun auf der Erde. Erschrocken stellte ich fest, daß die Erde meine sämtlichen magischen Fähigkeiten blockierte! Weder Gedankenlesen, noch erneute Gestaltwandlung, nicht mal einfache Lichtzauber waren möglich! Wie sollte ich denn jetzt einen Engel finden? Davon abgesehen: was war ein Engel überhaupt?

 

Das Schicksal war aber gnädig: während ich ratlos vor einem Kaufhaus stand, drückte mir ein Typ ein Bier in die Hand und sprang jubelnd rum: „Die Nice Trip ist da, die Nice Trip ist da!“ Ich verstand zwar nicht, wovon er redete, aber da sein Shirt den gleichen Schriftzug trug wie meines, nämlich „Die Apokalyptischen Reiter“ kombinierte ich messerscharf, daß er mich für einen Freund hielt und er mir ein Geheimnis verraten hatte. Bevor ich ihn aber unauffällig fragen konnte, rannte er in die Musikabteilung des Kaufhauses.

Nun: ich war Hufeisianer und war hier scheinbar in eine Reiter-Gang geraten – das mußte doch ein Zeichen der Götter sein! Also ging ich ebenfalls in die Musikabteilung. Bevor ich was sagen konnte, drückte mir ein entnervter Verkäufer eine CD in die Hand: „Have a nice Trip“ von „Die Apokalyptischen Reiter“.

 

Ich suchte mir einen ruhigen Ort im nahegelegenen Park und begann das Song-Buch zu lesen. Und tatsächlich: da stand es deutlich: „Ein Engel gab mir einen Traum“!

 

Ich war also nah dran an der Rettung unseres Planeten! Ich mußte nur den Schreiber dieses Textes finden, ihn bitten, mich zu dem Engel zu bringen und alles würde gut werden...

 

Nach weiterem Studium des Songbooks erkannte ich, daß es sich bei „Die Apokalyptischen Reiter“ um eine Musikergruppe handelte und der Sänger dieser Gruppe der Auserwählte war. Er war es, der den Engel getroffen hatte! Nun mußte ich also nur einen Menschen namens Fuchs finden, mich mit ihm anfreunden und hoffen, er würde mir seinen Engel vorstellen...

 

Mir blieb noch 1 Stunde...

 

Da ich meine magischen Fähigkeiten nicht einsetzten konnte, fühlte ich mich sehr hilflos, aber die Götter blieben auf meiner Seite. Auf der Suche nach Fuchs kam ich an einem Gebäude vorbei, aus dem laute Schreie ertönten: „Reiter – MANIA, Reiter – MANIA!“ Ah ja, dort würden die Reiter also in wenigen Augenblicken ein Konzert geben...

 

Ich stürmte also in das Gebäude und erstarrte! Dieser Lärm!!! Vier Männer entrissen ihren Instrumenten die absonderlichsten Geräusche und Fuchs –so erkannte ich auf den ersten Blick- grunzte in ein Mikrophon... (Ja, wir Hufeisianer sind sehr lärmempfindlich, da wir in unserer natürlichen Gestalt über acht Ohren verfügen.) Aber dennoch: ein Blick auf die Reiter, daß Herz etwas erweitern – und ich verfluchte mich, daß ich eine männliche Gestalt gewählt hatte, als ich zur Erde reiste... Der Sound riß mich mit und ich vergaß, daß ich den blöden Engel finden mußte.

Die Stimme meines Herrschers ertönte in meinem Kopf: „Dir bleiben nur noch Sekunden – und dann wirst Du im ewigen Nichts schweben! Du hast unseren Planeten verraten, Versager!“

Tränen traten mir in die Augen, als ich die Auswirkungen erkannte – doch wieder einmal griffen die Götter zu meiner Rettung ein. Nein, ein Engel erschien mir nicht. Dafür aber eine gute Fee. Sie sprach zur mir: „Du bist in Not, Hufeisianer, doch ich kann Dich erretten. Du hast einen Wunsch frei!“ Hoffnung in der Finsternis! Auf meinen eigenen Planeten konnte ich mich nicht zurück wünschen, denn dann würde ich unweigerlich den Schergen des Herrschers in die Hände fallen. Also sagte ich, was jeder wahrer Reitermaniac in diesem Moment gesagt hätte: „Ich möchte auf ewig bei Die Apokalyptischen Reiter sein!“ und ein seliges Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Natürlich sah ich mich als (vermutlich weibliches) Nummer-Eins-Groupie der Band und... 

 

Und ich kam erst wieder zu mir, als mich eine nicht enden wollende Reihe von Schlägen traf! Nur aufgrund meiner hohen Intelligenz wurde mir auf der Stelle bewußt, daß ich verraten worden war! Ich suchte die olle Fee und erkannte: es war gar keine gute Fee, sondern ein schamloser Betrüger. Die Vulkanette Bully „Spuck“ Herbig hatte endlich eine Möglichkeit gefunden sich dafür zu rächen, daß ich beim letzten interplanetaren Picknick das letzte Stück Käse-Sahne-Torte gegessen hatte...

 

Außerdem trage ich natürlich einen Teil Mitschuld an meiner Misere. Jetzt, nachdem ich schon sehr lange das Verhalten männlicher Metal-Musiker aus nächster Nähe studieren konnte, ist mir der große Fehler aufgefallen: ich hätte niemals den Engel in der Nähe von Fuchs suchen dürfen!!! Wahrscheinlich kennt der nämlich gar keinen Engel. Denn ganz ehrlich: wenn ich ein Mann wäre und ich eines morgens mit einem Samen in der Hand aufwachen würde...Ähem!  Naja, und wenn aus diesem Samen dann auch noch ein Baum wird... Also bitte! Ich würde da erstmal pauschal sämtliche Gentechniker der Welt verklagen und die Schuld nicht bei einem Engel suchen... (Oder sind wieder bei der christlichen Kirche angelangt???)

 

Ja, mein Wunsch hat sich erfüllt: ich bin immer noch bei den Reitern. Mein Besitzer –sein wirklicher Name ist übrigens Geoffrey Evelnight, auch wenn er immer nur „Sir G.“ genannt wird- ist ein eifriger Musiker und übt und übt und übt fast täglich auf mir. Vielleicht kennen Sie ihn ja und wenn meine Geschichte Sie irgendwie berührt hat, dann bitten Sie ihn in meinem Namen, daß er doch endlich mal Urlaub macht!

 

Bitte, bitte glauben Sie nicht, daß ich klagen will –Schlagzeug ist ein sehr schöner Beruf- aber... Es ist ja auch nicht so sehr der Schmerz, aber dieser Lärm, dieses Dröhnen in meinem Kopf... Was gäbe ich für eine Kopfschmerztablette! Oder zumindest Ohropax...

 

by  Tyrwyn

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