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24. September 2017


           
Magazin

 

 

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Blind Guardian Interview

26 Jahre im Geschäft, neun Alben, eine stetige Weiterentwicklung und der Platz an der Sonne der erfolgreichsten Metalbands Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Wenn es im Duden Bilder gäbe, müsste unter dem Wort „Beständigkeit“ definitiv der Schriftzug der Krefelder Blind Guardian stehen, die trotz einiger Abweichungen in ihrem Sound und der Verprellung alter Fans eine absolute Konstante im Metal Universum darstellen.

 

Ich selber war von Beginn an ein absoluter Fan der Band und sog solche Killeralben wie „Battalions of fear“, „Tales from the twilight world“ oder „Somewhere far beyond“ in mich auf, war aber, wie manch anderer Anhänger auch, sehr irritiert, als die Jungs mit „A night at the opera“ und „A twist in the myth“ ihren Stil radikal änderten und viel mehr auf Bombast und Orchesterarrangements Wert legten und ihre Wurzeln damit komplett ignorierten, was mit dem Ausstieg von Gründungsmitglied und Drummer Thomen Stauch (aufgrund wirklich nachvollziehbarer musikalischer Differenzen) nach der „Opera“ gipfelte.

 

Doch nun haben die Guardians einen perfekten Mittelweg gefunden, der sich „At the edge of time“ nennt und sowohl alte wie auch neue Fans in den Bann ziehen sollte. Ausgefeilte Arrangements, eine tolle Orchester-Kooperation und auch speedige Nummern machen Album Nummer neun zwar nicht zum Besten ihrer Karriere, doch sie waren damit nah dran.

 

Auf jeden Fall eine Menge Stoff für ein ausführliches Gespräch beim diesjährigen W:O:A, zu dem uns Nuclear Blast einlud, mit den beiden Saitenhexern Andre Olbrich und Marcus Siepen, wobei Andre oft das Wort an sich riss und Marcus meist grinsend daneben saß. Es entwickelte sich dennoch ein reger Schlagabtausch.

Marcus, Andre, endlich habe ich nach so langer Zeit mal die Möglichkeit, Euch für die Danksagung im Zuge meines Interviews für meinen Metal Mirror auf der „Tales from the twilight world“ zu danken, auch wenn’s schon ein wenig länger her ist…

 

Marcus: Gern geschehen (lacht).

 

Wenn ich bedenke, wie Eure Karriere durch die Decke gegangen ist freut es mich, das ihr immer noch Fannah und erdig geblieben seid. Habt Ihr eigentlich je daran gedacht, so einen Erfolg einzufahren? Gerade, da ihr mit der „Battalion“ zu Beginn mit einer „3“ im Metal Hammer abgestraft wurdet.

 

Andre: Nee, stimmt nicht.

 

Stimmt wohl…

 

Andre: HANSI??? Wir hatten im Metal Hammer für die „Battalions“ eine „3“? Stimmt doch nicht, oder? (alle sind am lachen)

 

Hansi Kürsch dreht sich um und eine rege Diskussion entbrennt, bei der wie uns darauf einigen, das eine „3“ beigewesen war, die Platte an sich aber viel Lob einheimste.

 

Dennoch ist doch dieser Erfolg nicht vorhersehbar gewesen.

 

Marcus: Oh doch, das war von vornherein alles genau geplant, hahaha. Nein, wir sind einfach unseren Weg konsequent gegangen, haben immer versucht, uns weiter zu entwickeln. Die Philosophie, immer das bestmögliche Produkt, seien es Platten, Touren etc.abzuliefern, hat sich nie verändert und die daraus resultierenden Erfahrungen haben uns den Weg geebnet, weiter nach oben zu gehen.

 

Genauso wie Ihr Eure Gewinne in den Ausbau Eures bandeigenen Twilight Hall Studios investiert habt, um somit Eure Eigenständigkeit zu bewahren…

 

Andre: Diese Eigenständigkeit war uns immer wichtig gewesen, denn je mehr du abgibst, desto weniger hast du die Gewalt über das finale Produkt. Sobald du keine Entscheidungsgewalt mehr über dein eigenes Baby hast, hat es nicht mehr den original spirit und es kommt zu gruseligen Produkten oder Ripp offs, die teilweise wirklich schauerlich sind. Wir sind schon immer eine Band gewesen, die selbst entschieden hat, was veröffentlicht wird und was nicht. Es gibt in 25 Jahren von uns 9 LP’s, 2 Live Scheiben und eine DVD, die qualitativ unseren Ansprüchen vollstens gerecht werden und hinter denen wir zu 100% stehen. So wird es auch zukünftig gehandhabt. Kein Produkt wird je unser Haus verlassen, welches unseren eigenen Qualitätsstandards nicht genügt und da sind wir mehr als pingelig, hahaha.

 

Das Studio haben wir 1998 angefangen zu bauen und in den Jahren ständig weiterentwickelt. Es ist ja so, wenn Du ins Studio gehst, verschlingt das Unmengen an Kohle, vor allen bei langen Produktionen, bei denen man vielleicht irgendwann Qualitätskompromisse eingehen muss, was wir uns seit je her verbeten haben. Uns sitzt diesbezüglich niemand im Nacken und wenn man halt einen oder zwei Monate überzieht, dann überziehst du die halt und keiner kann was sagen. Die „Opera“ war die erste Platte, die wir komplett dort aufgenommen haben und obwohl bei der Produktion einiges schief gelaufen war…

 

Was zum Beispiel?

 

Andre: Naja, im Nachhinein hätte man die Produktion viel besser machen können und auch der Schlagzeugsound, bei dem wir viel auf Samples zurückgreifen mussten, war nicht gerade das Gelbe vom Ei, weil einfach der Aufnahmeraum für die Drums nicht rechtzeitig fertig wurde. Bei der „Twist“ ging es schon in die richtige Richtung, doch mit dem Sound auf dem neuen Album bin ich erstmals richtig zufrieden. Wir haben halt aus den Erfahrungen der anderen Alben gelernt und alles daran gesetzt, das Studio so zu gestalten, dass der Sound richtig geil wird. Ab jetzt haben wir genau das Studio, welches uns den Sound garantiert, den wir benötigen.

Da Ihr den Drumsound angesprochen habt, wie ist denn mittlerweile das Verhältnis zu Thomen, der ja 2005 ausgestiegen ist? Besteht überhaupt noch Kontakt?

 

Andre: Ja, auf jeden Fall. Die Anspannungen, die sich über die Jahre aufgebaut hatten, sind mittlerweile gänzlich verflogen und wir sind froh darüber. Wir sind einen langen Weg gemeinsam gegangen und es macht im Nachhinein überhaupt keinen Sinn, jetzt noch schmutzige Geschichten auszupacken.

 

Eure neue Scheibe „At the edge of time“ wurde von Vielen als großer Befreiungsschlag angesehen, da in manchen Augen Eure beiden letzten Platten soundtechnisch doch arg überfrachtet wirkten….

 

Andre: Andere, vor allem die neueren Fans wiederum halten gerade die letzten beiden Scheiben für unsere absoluten Meisterwerke. Das ist ein ziemlich ausgewogenes Verhältnis. Mit der „Opera“ beispielsweise haben wir in Amerika erstmals Fuß gefasst, der für uns ein sehr wichtiger Markt ist. So gesehen…wie war Deine Frage noch mal? (alle lachen)

 

Die habe ich noch gar nicht gestellt (das ganze Interview Zelt ist noch am lachen). Mich hätte nur mal Eure Meinung zum Vergleich „Twist/Opera“ zu „At the edge of time“ interessiert.

 

Marcus: Es war für uns anfangs nur wichtig festzulegen, keine „Opera“ oder „Twist“ Part zwei zu machen. Wir wollen uns grundsätzlich nie wiederholen und immer neue Wege gehen. Das Konzept und Grundgerüst für das neue Album stand bereits frühzeitig fest und diesen Weg sind wir auch konsequent gegangen. Klar wirst Du auf jedem Album immer wieder alte Elemente unserer Musik finden, was aufgrund unserer musikalischen Vergangenheit unausweichlich ist, doch die Weiterentwicklung steht für uns ganz klar im Vordergrund. „Edge“ ist einfach die logische Fortführung unserer vorangegangenen Alben, was du alleine an den Orchester Arrangements hörst, die wir diesmal mit reellen Musikern einspielen konnten. Die richtige Balance zwischen all diesen von uns kreierten Stilen zu finden, war wohl der Knackpunkt auf diesem Album. Es macht einfach Spaß, die Scheibe durchzuhören…

 

Andre: Die Dynamik ist meiner Meinung nach perfekt. Du hast einen Haufen harter Nummern drauf, ebenso Gefühlvolles und Bombastisches mit einem echten Orchester…da stimmt einfach der Flow.

 

Was für ein Orchester war das eigentlich? Die Prager Philharmoniker?

 

Andre: Nee, die Philharmoniker waren das wohl nicht…hmmm…HANSI??? (alle lachen)…

 

Hansi klärt uns kurz auf (die Film-Harmoniker) und weiter geht’s…

 

Was mir ganz besonders auffiel ist, das Ihr wirklich toll mit dem Orchester interagiert. Viele Bands, die in der Vergangenheit mit klassischen Musikern zusammengearbeitet haben, spielen meist gegen, statt mit dem Orchester…(auch diese Frage kann ich nicht zu Ende stellen, da Andre unter Gelächter sofort wieder das Wort ergreift)

 

Andre: Das liegt daran, das viele Bands erst ihre (Metal) Songs erst fertig stellen und dann ein Orchester hinzufügen wollen. Das endet meist in einem musikalischen Desaster wie einst bei Metallica, außerdem kann ich bei einer solchen Herangehensweise keinerlei Kreativität erkennen. Sowas greift einfach nicht ineinander. Bei „Sacred…“ oder „Wheel of time“ haben wir gleich von Vornherein die Musik MIT Orchester geschrieben und nicht alles mit Rhytmusgitarren vollgematscht (lacht). Wir lassen dem Orchester die Freiräume, um sich musikalisch zu entfalten und wir werden da einen Teufel tun, irgendwie reinzupfuschen, was bei diesem Album hervorragend funktioniert hat.

Weil Du „Wheel of time“ angesprochen hast: Wie kamt Ihr zu den arabischen Klängen, wo man ja Euer Faible für’s Folkloristische kennt? Die Orchesterpassagen hätten auch prima zum Soundtrack von „Prince of persia“ gepasst…

 

Marcus: Das war eher Zufall. Wir haben ziemlich lange an dem Song gearbeitet und als wir endlich eine Version fertig hatten, die uns einigermaßen zufrieden stellen, haben wir sie Charly (Bauernfeind-Produzent) vorgespielt. Ich muss dazu allerdings sagen, dass wir einfach nicht so richtig zufrieden mit dem Song waren, doch Charly meinte nur: Konzentriert Euch doch auf die arabischen Elemente. Ich fragte ihn bloß: Arabisch (lacht)??? Er meinte, dass meine Leadgitarren diesen Touch verursachen würden, was mich völlig überraschte, da ich nie darauf hingearbeitet hatte. Ok, dann halt arabisch (lacht) und plötzlich funktionierte der Song absolut perfekt. Wir haben dann noch mit Sithar Sounds herumexperimentiert, bis der Song zu dem wurde, der er jetzt ist.

 

Bei Eurer ersten Singleauskopplung „A voice in the dark“ habt Ihr ja mal wieder ordentlich auf’s Gaspedal gedrückt. War das Kalkül?

 

Andre: Zu „Single“ ist generell zu sagen, dass es für eine Metalband reine Makulatur ist, im Vorfeld einer Albumveröffentlichung eine Single zu veröffentlichen, da die Chancen auf einen Chartentry so gut wie nicht vorhanden sind und auch die Radiostationen dir damit keinerlei Airplay geben. So ein Teil dient lediglich dazu, die Fans schon mal ein wenig anzuheizen und mit ein paar unveröffentlichten Tracks zu verwöhnen. Wir fanden, dass „A voice in the dark“ als einer unserer stärksten Tracks einfach die beste Wahl dafür wäre. Naja..und um im Radio gespielt zu werden würde es noch nicht einmal reichen, einen Popsong draufzupacken…

 

Was Ihr aber mit der John Farnham Coverversion „You’re the voice“ dennoch gemacht habt. Extrem passend und Blind Guardian kompatibel, wir ich im Übrigen finde…

 

Andre: Stimme ich Dir völlig zu (lacht). Wir waren letztes Jahr auf einigen Festivals unterwegs und irgendwann lief der Song im Radio. Da brüllte ich nur: HANSI??? (alle lachen, da sich der Angesprochene erneut umdrehen muss…), dat Ding könnten wir auch mal covern. Er sagte dazu nur: Jaja, nimm mal auf, hahaha. Habe ich dann auch gemacht und ich finde, das Hansi das Teil unglaublich geil eingesungen hat.

Im Herbst geht Ihr mit Steelwing, Enforcer und Van Canto auf große Deutschland Tour. Inwieweit habt Ihr Einfluss auf Eure Supportbands?

 

Andre: Wir kriegen Supports angeboten, bei denen wir natürlich ein Vetorecht haben. Generell übernimmt das aber unsere Booking Agentur, die dafür ein recht glückliches Händchen hat. Das sind alles junge, aufstrebende Bands, die allesamt einen neuen Drive in die Metalszene bringen können und insofern ist die Auswahl schon recht gelungen. Mit Van Canto sind wir gut befreundet…

 

Weil sie den „Bard song“ gecovert haben…

 

Andre: Hahaha, nee nicht nur deswegen. Die haben ihr Album auch bei uns aufgenommen und Sly (Sänger) hat bei uns auch schon Backing Vocals gemacht. Es ist einfach eine total nette Truppe mit denen es unglaublich viel Spaß macht.

 

Weil wir gerade beim Thema sind: Hängt Euch nicht irgendwann mal der „Bard song“  live zum Halse raus?

 

Beide unisono: Niemals!

 

Andre: Du musst einfach mal auf der Bühne sitzen und dann, wie in Wacken, singen 70.000 bis in die hintere Reihe den Song mit. Da kriegste Gänsehaut bis ganz nach unten.

 

Marcus: Als wir mal in Düsseldorf das Stück gespielt haben, konnte Hansi danach nicht mehr ans Mikro gehen, denn immer wenn wir weitermachen wollten, stimmten die Leute den Song wieder und wieder an. Die haben nicht mehr aufgehört und wir haben mehr als eine Viertelstunde mit Gänsepelle auf der Bühne gestanden. Diese Version haben wir dann auch etwas verkürzt auf eine B-Seite gepackt.

 

 

Da Euer Drummer Frederik gerade vorbeikommt eine Frage an ihn: Spielst Du live eigentlich immer noch barfuss?

 

Frederik: Nee, schon eine ganze Weile nicht mehr. Du glaubst nicht, wie scheiße kalt das auf Dauer wird. Mir sind bei einem Konzert schon einmal fast die Zehen abgefroren. Außerdem habe ich für mich festgestellt, dass ich mit Schuhen einfach mehr Bumms habe. Ich habe jetzt Schuhe, deren Sohle einem das Gefühl vermittelt, man wäre barfuss. Das ist für mich genau das Richtige, hahaha.

by olaf

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