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29. Mai 2017


           
Magazin

 

 

 
         
 

Destruction Interview

Zwei einschneidende Erlebnisse unterstreichen meine heute immer noch andauernde Sympathie für das Trio aus Baden Württemberg. Zum einen erwischte mich meine Mutter anno 1988 dabei, wie ich mit einem Tennisschläger bewaffnet mit meinem Kumpel Holger, der mit zwei Drumsticks meinen Coca Cola Hocker vermöbelte, zu „Curse the gods“ völlig auskreisten. Doch statt uns zu unterbrechen, wurde dieses etwas merkwürdig anmutende Szenario lieber auf Film gebannt und teilweise heute noch der Verwandtschaft präsentiert (Schande auf dein Haupt…). Zum anderen hatte ich 1993 das Vergnügen, Destruction Leader Schmier während meines Urlaubs in Lloret de Mar kennenzulernen und mit ihm den Urlaub zu verbringen. Für mich als absoluten Fan der Truppe, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits Headhunter am Start hatte, ein absolut obercooles Erlebnis, an das sich der Basser und ich gerne zurück erinnern. Doch Schluss jetzt mit sentimentalen Rückblenden…

 

Anno 2011 stehen die Zeichen bei der teutonischen Thrash Institution auf Sturm. Kurz nach der Veröffentlichung des bärenstarken neuen Albums „Day of reckoning“ befindet man sich bereits auf Tour, um dieses angemessen zu promoten. Naja, soweit dies als Support von Overkill möglich ist, denn bei lediglich 45 Minuten Spielzeit bleibt nicht viel Platz, um neben all den Klassikern, die man wahrlich auf Tasche hat, neues Zeug zu präsentieren. Dazu noch ein neuer Drummer, der auf dieser Tour nach einigen Einzelgigs und der Performance bei der 70.000 Tons of metal seine Tour-technische Feuerprobe zu bestehen hat. Dazu kommen noch einige Anfeindungen, die sich Destruction momentan im Internet und im Allgemeinen ausgesetzt sehen…eine Menge Stoff, um mit Schmier ein Weilchen zu reden…obwohl der Fronter stimmlich und gesundheitlich ziemlich angeschlagen wirkte.

Mensch, das erste Mal, dass wir uns auf professioneller Ebene gegenüber sitzen. Sonst waren wir ja immer nur privat zusammen…

 

Ja, stimmt. Fällt mir auch gerade auf…

 

Ihr ward ja Teil der ersten Metal Kreuzfahrt 70.000 Tons of metal von Miami nach Mexiko und zurück, bei der unser Redakteur Langhammer ebenfalls rumgeturnt ist. Erzähl mal ein bisschen…

 

Wir waren anfangs total skeptisch was dieses Unterfangen anging und am ersten Tag war es auch noch etwas chaotisch, aber im Endeffekt haben die Macher das toll umgesetzt. Aufgrund des vorhandenen Luxus war es für Musiker wie auch für die Fans ein unvergleichliches Erlebnis, auch wenn die Getränke von den Preisen her, recht amerikanisch waren. Dafür war das Essen saulecker (lacht). Und vor allem hattest du eine Menge Freiraum und bist niemanden auf die Füße gelatscht. Ich kenne das auch anders wie bei diesem Sweden Rock Boot, wo man echt keinen Platz hat. Doch da war es echt gemütlich. Das war echt für alle Beteiligten eine saugeile Veranstaltung und ich kenne Niemanden, der das scheiße fand, ob Fans oder Bands.

 

Biste denn in Miami ohne Deine Lederjacke ausgekommen, die Du ja in Deutschland vergessen hattest?

 

(lach) Naja, es ging. Es war die ersten Tage dort wirklich scheiße kalt, womit so ja nicht zu rechnen war. In South Carolina hat es sogar geschneit, unfassbar. Doch das Wetter hat sich dann zum Glück gebessert und es wurde richtig warm. Wir haben dann noch ein paar Tage Urlaub drangehangen und sind dann weiter nach Mexiko und Costa Rica für ein paar Shows. Es war jedenfalls ein Trip, an den wir uns ganz lange erinnern werden.

 

Und nächstes Jahr Ostsee?

 

Ostsee? Hahaha, ich glaube kaum, dass das hier so einfach zu realisieren ist, obwohl es ja auf dem Rhein auch so eine Bootstour gibt, wo wir auch schon mal spielen sollten. Aber das kannste nicht vergleichen.

 

Da haben ja auch schon Sodom oder Asphyx gespielt…

 

…und leider ist das dieses Jahr ausgefallen, da sich die Veranstalter wohl zerstritten haben…naja.

 

Ihr seid seit 11 Tagen mit Heathen, After all und Overkill on the road. Wie läuft’s?

 

Großartig! Die Shows sind allesamt gut besucht, die Stimmung ist gut und Bobby (Blitz Ellsworth-Sänger von Overkill) kenne ich ja nun auch schon einige Zeit. Da hat sich eine Freundschaft entwickelt. Allerdings gab es ein paar negative Randerscheinungen, was natürlich auf den Headliner Status Overkills zurückzuführen ist. Die Amis gehen halt ihren eigenen Weg und nutzen ihren Headliner Status voll aus, was einige Restriktionen mit sich bringt.

 

Welcher Art?

 

Jeglicher. (hüllt sich in Schweigen) Europäische Bands handhaben so etwas anders und etwas kollegialer.

 

Zu Eurem neuen Album „Day of reckoning“ konnte man vielerorts schon eine Menge lesen. Beschreibe mir doch in drei einfachen Worten das Album aus Deiner Sicht.

 

Speed, Brutalität und coole Songs. Wir hatten uns selbst die Vorgabe gegeben, dass die Songs heavy und brutal werden sollten, da wir im Nachhinein mit „D.E.V.O.L.U.T.I.O.N.“ nicht mehr ganz zufrieden waren. Die Aggressivität war zwar schon teilweise vorhanden, aber es fehlte an Abwechslung. Somit beschlossen wir ziemlich früh, dass es endlich wieder mehr rechte Hand und Gitarrenriffs geben sollte, die einen umhauen. Mit den Demos, die wir ziemlich früh bereits aufgenommen hatten, konnten wir dann ganz anders an die Sache rangehen und hatte so die Möglichkeit, solange an den Songs zu feilen, bis sie uns in dem Kram passten. Dazu kam noch, dass unser neuer Drummer Vaaver technisch so versiert ist, dass er mit seinem Spiel noch eine Menge zu beitragen konnte. Er hat auch nicht rumgejammert, wenn er mal etwas schneller spielen musste, sondern hat alle seine Parts zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. Wir sind im Endeffekt sehr zufrieden mit dem Album…

 

Hatte Vaaver eigentlich noch kompositorischen Einfluss nehmen können?

 

Nein, überhaupt nicht. Die Songs standen und er hat sie mit Klicktrack aufgenommen. Er hat allerdings unsere Ideen prima umgesetzt und teilweise mit einigen Nuancen verfeinert. Er hat auf jeden Fall einen super Job abgeliefert und einen großen Anteil am Gelingen der Scheibe…

 

Wobei ja Götz im Rock Hard mächtig gegen den Schlagzeugsound gewettert hat …

 

(auf einmal ist Schmier hellwach) Was der Kühnemund da geschrieben hat, regt mich völlig auf! Gerade auf diesem Album haben wir das ganze Overdubben, Triggern und den Sound durch verschiedene Amps zu jagen gänzlich weggelassen, weil wir einen organischen Drumsound haben wollten. Ich finde diese ganze Metal-Polizei im Netz momentan eh total zum kotzen, die sich über jede Platte aufregt, die gut klingt…

 

Du meinst die vom Rock Hard losgetretene Kataklysm / Nintendo Metal Debatte…

 

Richtig. Das ging ja dann mit uns weiter. In den einschlägigen Foren haben sich Leute dann über uns ausgelassen und sich furchtbar über den Sound aufgeregt. Lee von Heathen hat das gut auf den Punkt gebracht: Wie definiert man einen ZU guten Sound? Ähnlich wie ein ZU gutes Essen oder eine ZU hübsche Frau? Warum müssen denn plötzlich alle Metalproduktion so schrullig und schrammelig wie in den Achtzigern klingen? Wir hatten damals halt keine anderen Möglichkeiten, eine Platte aufzunehmen, doch die Zeiten ändern sich. Ich bin auch kein Fan von Plastikproduktionen, aber was Götz da geschrieben hat, ging absolut gar nicht. Vor allem weiß ich nicht, was er da gehört hat? Auf diese Story werde ich auf Tour permanent angesprochen und ich kann es nicht erklären, was er damit bezwecken wollte. Nach Kataklysm schnappt sich die selbsternannte Metal-Polizei nun uns. Angela Gossow von Arch enemy hat mir dazu auch geschrieben und sich ebenfalls darüber aufgeregt, was das alles soll. Andy Sneap hat mir in einem Telefonat gesagt, dass er nun wirklich um seinen Job fürchtet, weil das schon an Rufmord grenzt.

 

Sollte Dir diese ganze Debatte nach 27 Jahren in der Szene nicht eiskalt am Arsch vorbeigehen?

 

Tut es aber nicht, weil ich voller Leidenschaft und mit wahnsinnig viel Herzblut dahinter stehe, was wir tun. Ich kenne Götz ja nun auch schon seit mehr als 20 Jahren, daher kann ich die Attacke nicht nachvollziehen. Ich weiß nicht, ob er das bei einer Amiband auch gemacht hätte.

 

Auf Facebook hattest Du ja den Chartentry auf 92 süffisant mit den Worten „naja…immerhin“ kommentiert. Meinst Du, dass hatte etwas mit der Kritik zu tun?

 

Auf jeden Fall. Wenn der selbsternannte Metalpapst mit so einem Spruch daherkommt, kostet dich das schon einige Plattenverkäufe. Vor dem Batschkapp in Frankfurt habe ich zwei Metaller gehört wie sie sich unterhalten haben. Das ging dann so: „hast Du die neue Platte schon gehört?“ „Nee, die soll so einen Scheißsound haben, dass lohnt sich nicht.“ Mit solchen Meinungen schürst du die Skeptiker. Hör Dir mal die neue Flotsam and Jetsam an (habe ich…zu finden hier). Die Platte ist in meinen Augen ebenfalls hypermodern produziert, bekommt aber Höchstnoten und verkauft sich. Das ist das, was ich gesagt habe: Eine Amiband macht eine mittelmäßige Platte, wird aber über den grünen Klee gelobt. Ne deutsche Band macht ne gute Platte, wird aber mit Skepsis bedacht.

 

Naja, wenn aber eine in meinen Augen mittelmäßige Band wie Metal inquisitor so hochgejubelt wird, kann man kaum von Skepsis reden…

 

Aber was verkaufen die denn? Charten die? Nein, das ist der sogenannte Undergound. Wieviele Leute gehören zum richtigen Underground? 1.000, 5.000? Ich weiß es nicht. Diese Jubelarien sind mir auch ein Dorn im Auge, wenn dafür eine renommierte Band über die Klinge springen muss.

 

Siehst Du Dich selber noch dem Underground zugehörig?

 

Auf jeden Fall, doch was ist heute noch der Undergound? Da rennen Leute rum, die an allem was zu nölen haben, nur auf verschrobenes Zeugs stehen und nichts anderes akzeptieren. Das sind für mich Metal Spießer, die mir die Lust am Metal ziemlich vermiesen.

 

 

Kommen wir zurück zu Erfreulicherem. Kommentiere mir doch mal bitte meine drei Favoriten auf dem Album: „Hate is my fuel

 

Das ist der Lieblingssong der Plattenfirma und einer der neuen, den wir auch schon live fest eingebaut haben. Das wird definitiv einer unserer neuen Hymnen. Die Leute gehen dazu jedenfalls immer gut ab. Es ist nicht der beste Song der Scheibe, aber ich finde ihn gut. Und ein cooles Video haben wir dazu auch gedreht…

 

DESTRUCTION "Hate is my fuel" Video

 

Der Opener “The price”

 

Das ist mein Lieblingssong, weil er so brachial losbrettert und an gute alte Zeiten erinnert. Solche Songs schreibt man eigentlich, wenn man 15 Jahre alt ist, hahaha. Das Teil hat ein super Thrash Feeling und ist hyper aggressiv Es gibt mit Sicherheit andere Songs, die abwechslungs- und facettenreicher sind, aber der killt richtig. Das macht richtig jung…

 

Fühlst Du Dich denn noch so?

 

Nee, hahaha. Eine Woche mit Heathen im Tourbus mit wenig Schlaf, da wirste eher alt.

 

Mein Lieblingssong „Armageddonizer

 

Ja, ist auch ne geile Nummer, obwohl er einen anderen Groove und ein anderes Grundfeeling hat, eher wie traditioneller Heavy Metal. Auf jeden Fall stand der Song recht schnell. Das Grundriff war fertig und der Rest kam wie von selbst. Aber ich gebe Dir Recht, das Teil ist auch ein Kracher, hahaha.

 

Noch mal zurück zum Vergleich mit „D.E.V.O.L.U.T.I.O.N.“. Wenn ich Dich so reden höre, bist Du von „Day of reckoning“ weitaus mehr angetan, als von dem direkten Vorgänger…

 

Das Album war etwas sperriger, aber wenn du mitten im Entstehungsprozess bist, merkst du das meist gar nicht auf Anhieb. Wir wollten einfach im Zuge von 25 Jahre Destruction so viel wie möglich reinpacken, was dann aber etwas zu Lasten der Songs und der Eingängigkeit ging. Die neue Scheibe sollte einfach eingängiger sein und schneller auf die 2 gehen. Sie ist einfach aus einem Guss, aggressiv und zu keiner Zeit langweilig.

 

Ist das nicht scheiße, wenn man sich alle zwei Jahre für seine vorherige Platte rechtfertigten muss?

 

Ach, es ist ja nicht so, dass ich das Album kacke finde, im Gegenteil. Es sind immer noch klasse Songs drauf…aber hinterher ist man immer schlauer, was man hätte besser machen können. Ich glaube, dass geht jedem Musiker so.

 

Ist es nicht eine Last, wenn man Klassiker wie „Curse the gods“, „Eternal ban“ oder „Mad butcher“, um nur einige zu nennen, im Programm hat und jeder der Oldschool Fraktion diese auf Konzerten hören will, was zu Lasten neuer Songs gehen könnte?

 

Es ist natürlich immer ein zweischneidiges Schwert. Zum einen wollen die Fans natürlich die alten Sachen hören, zum Anderen hängen sie dir selber als Musiker irgendwann tierisch zum Halse raus. Songs wie „Bestial invasion“, „Curse…“ oder der Butcher werden immer ein Teil unseres Livesets bleiben, denn dadurch sind wir ja groß geworden. Aber bei anderen Sachen wie „Live without sense“ oder „Eternal ban“ ist jetzt mal Schluss. Es kann sich auch niemand beschweren, denn wir haben die Songs jahrelang gespielt, irgendwann muss auch mal was Neues ran. Vielleicht kommen sie mal wieder dran, aber momentan nicht.

 

Auf dem diesjährigen Metalfest kommt es ja zu einer regelrechten Zusammenrottung alteingesessener, teutonischer Thrash Größen: Tankard, Sodom, Rage und Ihr. Ein Leckerbissen für die oldschool Fraktion…

 

Ja, dass ist ziemlich geil. Ist zwar eine ziemliche Fahrerei, aber dann zusammen mit vielen Freunden so ein Festival zu zocken, wird ein Heidenspaß auf den ich mich tierisch freue.

by olaf

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