10. Juli 2026


           
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Macbeth Interview

Eine mehr als positive Ausnahmeerscheinung ist diesen Monat das Album der Thüringer Macbeth, dessen Lebenslauf bis weit in die ehemalige DDR reicht. Auftrittsverbote, Gefängnisaufenthalte und persönliche Dramen pflastern den Weg dieser vom Alter her gesehen recht betagten Band, die allerdings mit ihrem ersten „richtig“ veröffentlichten Album "Gotteskrieger" jung, frisch und unverbraucht daherkommt. Tolle Melodien, gesunde Härte, eine saufette Produktion und tolle deutsche Texte zogen mich sofort in den Bann und ließen mich zu einem Fan der Band werden.

 

Da sich die Gelegenheit ergab, mit Gitarrist Ralf Klein einen Plausch zu absolvieren, zögerte ich nicht lange, ist die Band doch mehr als interessant und bietet eine Menge Erzählpotential.

Ist Erfurt die neue Metal Hochburg Deutschlands? Ich bin ja schon etwas neidisch, da sich Berlin ja recht wenig bewegt…

 

In Thüringen und damit auch in Erfurt existiert schon seit sehr langer Zeit eine große und aktive Metalszene. Es gibt sehr viele gute und innovative Bands, von denen einige zum Glück ihr Schattendasein im Probebunker hinter sich gelassen haben und erfolgreich durch die Lande touren. Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Anzahl der Metalbands allerdings schon recht hoch. Da könnte der Begriff Hochburg durchaus zutreffen.

 

24 Jahre nach der Bandgründung das erste Album. Steht man selber dann als Musiker davor und reibt sich verwundert die Augen, dass es doch noch geklappt hat nach all den Jahren?

 

Zum besseren Verständnis sollte man vielleicht sagen, das es in der DDR nicht möglich war, einfach eine Platte aufzunehmen. Und schon gar nicht als Untergrund-Kapelle. Von unseren Demos wurden ein paar Songs im Radio gespielt. Da gab es ein paar mutige Leute, die den Kram spielten, obwohl nicht alles durch die Zensur kam. Die Reunion 1993 war leider nur von kurzer Dauer, so dass keine Zeit mehr blieb für eine Veröffentlichung. Im Jahre 2006 haben wir ein Album in Eigenregie veröffentlicht. Die neue Scheibe schlägt nun ein völlig neues Kapitel auf, da sich personell auch etwas verändert hat. Jetzt stimmt die Chemie innerhalb der Band und wir haben uns seit den Gründertagen nicht mehr so wohl gefühlt. Das erste Album von uns, das bei einem Metal-Label erscheint, wäre vielleicht treffender.

 

Ihr habt ja eine mehr als bewegte Vergangenheit in Eurer Bandvita. Auftrittsverbote, Gefängnisaufenthalte in der DDR und zwei Selbstmorde. Ist man da nicht irgendwann an einem Punkt wo man sagt: Es reicht, da geht nichts mehr? Hat sich diese Frage jemals für Euch gestellt?

 

Nach dem Verbot 1986 war es sehr bitter für uns. Wir haben uns aber wieder aufgerappelt und mussten unter einem anderen Namen weitermachen. Bis die zwei Selbstmorde die Sache dann für 10 Jahre zum Erliegen gebracht haben. Eigentlich sollte es auch dabei bleiben. Wer aber einmal erfolgreich Musik gemacht hat, weiß, dass es wie eine Droge ist. Man muß einfach raus aus der Bude, um live zu spielen. Was gibt es Besseres?

 

Im Info Flyer zu Eurem neuen Album werdet Ihr als Melodischer, treibender Thrash-Metal mit aggressiven Vocals und einem Touch Onkelz“ beschrieben. Ich persönlich würde eher sagen: Satter Power Metal mit Tiefgang. Stört Euch dieser Stempel „Onkelz“, bloß weil Ihr deutsch singt? Wie würdet Ihr Euch selbst charakterisieren?

 

Wir würden unsere Musik als Metal mit deutschen Texten bezeichnen. Viele Leute tun sich schwer damit und suchen natürlich die passende Schublade, die es aber nicht gibt. Logisch werden dann immer Beispiele bemüht, die so nicht passen. Speziell bei deutschem Gesang gibt es ja nicht soviel Auswahl. Also werden immer Vergleiche zu In Extremo oder den Onkelz gezogen. Das ist legitim, aber rein musikalisch gesehen Unsinn. Stören tut es uns nicht. Wir haben es auf englisch probiert, aber das sollen die Leute tun, die der Sprache mächtig sind. Wir können uns in unserer Muttersprache einfach besser ausdrücken. Die Meßlatte liegt natürlich deutlich höher, weil man die Texte versteht.

 

Zu Eurem Album „Gotteskrieger“. Ein richtig geniales Scheibchen, was sich zwischen die eingängigen Nischen klemmt und mit sehr viel Eigenständigkeit daherkommt. Ich hatte beim Hören das Gefühl, das Ihr weniger programmiert an die Aufnahme herangegangen seid, vielmehr sehr viel Spaß und Enthusiasmus an den Tag gelegt habt.

 

Es freut uns, daß Dir die Scheibe gefällt! Die Songs waren im Groben schon fertig und wir haben einige Titel davon schon live getestet. So war alles sehr entspannt und hat natürlich auch viel Spaß gemacht. Beim Song „Am Grab“ wurde es allerdings noch einmal sehr emotional und wir mussten alle unseren Schmerz herunterschlucken. Das war sogar körperlich zu spüren. Die Selbstmordgeschichten hängen dir emotional wie ein Klotz am Bein. Das ist einfach nicht zu erfassen und zieht einen manchmal ganz schön in den Keller.

 

Wer ist denn für die Produktion verantwortlich? Ihr habt einen richtig schönen fetten Sound.

 

Engel, unser Schlagzeuger ist für die Produktion, Mix und Mastering verantwortlich. Er kennt unser Zeug und unsere gemeinsamen Vorstellungen logischerweise am besten und deswegen sind wir mit dem Endergebnis äußerst zufrieden. Dadurch war die Arbeit im Rape of Harmonies Studio umso entspannter.

 

Euer Titel „Hunde wollt Ihr ewig leben“ könnte man ja glatt auf Euch beziehen, dennoch scheint Ihr bei diesem Song sehr vom gleichnamigen Film beeinflusst worden zu sein. Was hat Euch dazu bewegt, darüber einen Text zu verfassen? Der erste Weltkrieg scheint ja momentan in „Mode“ zu sein, da God dethroned ja auch ein Konzeptalbum über dieses Thema veröffentlicht haben…

 

Der Ausspruch stammt ursprünglich vom Alten Fritz und der gleichnamige Film spielt im zweiten Weltkrieg. Wir haben die Handlung dieses Songs bewußt in den ersten Weltkrieg verlegt, weil die Metzeleien in den Schützengräben die Sinnlosigkeit des Krieges am deutlichsten macht. Da wurden ganze Jahrgänge von jungen Männern zur Schlachtbank geführt. Der Refrain könnte natürlich auch unser Überlebensmotto sein! Da hast Du recht!

 

Richtig genial finde ich die Idee, bei „Das Boot“ die Titelmelodie von Klaus Doldinger mit einzubauen. Passt wie Arsch auf Eimer. War das auch von langer Hand geplant oder entstand diese Idee spontan?

 

Wir wollten eigentlich einen Song über das Thema „lebendig begraben“ machen und da meinte Olli, in so einem absaufenden U-Boot ist man doch auch wie lebendig begraben. Also wurde es ein Song über U-Boote. Die Story eines der besten deutschen Filme war da natürlich eine Steilvorlage. Für die Melodie von Klaus Doldinger kontaktierten wir den Verlag, der uns erst einmal wegtreten ließ. Also versuchten wir es bei Herrn Doldinger persönlich und er gab, nachdem er die Nummer gehört hatte, sein Einverständnis. Der Mann ist übrigens 72 Jahre und auch noch auf Tour!

 

Auf wen oder was bezieht sich der „Gotteskrieger“? Anhand Eures Textes bieten sich mehrere Interpretationsmöglichkeiten…

 

Im Song geht es um religiöse Fanatiker, die andere Menschen abschlachten, nur weil sie anderen oder keinen Glaubens sind. Für uns unvorstellbar und nicht nachvollziehbar . Einfach kranke Scheiße! Mit „geschnürt an meinem Leib“ lassen wir allerdings genug Interpretationsspielraum, ob es sich um eine Bombe (Islamisten) oder ein Schwert (Kreuzritter) handelt.

 

Ebenso interessiert mich, wer das stolze Haupt ist, welches „Unter dem Beil“ zu letzten Ehren kommt?

 

Eigentlich wird Joseph Guillotin die Erfindung der Guillotine zugeschrieben. Manche glauben es war sein gleichnamiger Cousin. Der war überzeugter Revolutionär , bis seine Frau enthauptet wurde. Von da an unterstützte er die Royalisten und wurde 1814 als Verräter verurteilt und bestieg die Guillotine und wurde Opfer seiner eigenen Erfindung. Ob das nun historisch belegt ist, spielte für uns eine untergeordnete Rolle, da die Story einfach hammerhart ist.

 

Wer ist denn die Stimme im Refrain zu „Maikäfer flieg“? Da dies ja im Original eigentlich ein Song mit einem sehr traurigen Hintergrund ist würde mich Euer Motiv interessieren, warum Ihr gerade diesen bearbeitet habt?

 

Die Stimme gehört meiner siebenjährigen Tochter. Der Song ist ein Versuch, den millionen Vertriebenen die im Straßengraben verwesten oder auf der Strecke blieben, ein Gesicht zu geben. Wir haben alle Verwandte, die betroffen waren und die erst im hohen Alter ihr Schweigen gebrochen haben. Die Details waren zum Teil sehr schockierend. Und das Problem der Vertreibungen ist nach wie vor aktuell. In Darfur im Sudan, wo die Islamisten andere ethnische Minderheiten ausrotten oder im Kosovo. Das Kinderlied stammt aus dem Dreißigjährigen Krieg und die Zustände waren zu der Zeit ähnlich. Dort zogen auch plündernde Soldaten durch das Land und schlachteten und vergewaltigten Millionen von Menschen. Ein Viertel der deutschen Bevölkerung verlor damals das Leben. Die Kinderstimme soll die Wehrlosigkeit der Zivilbevölkerung noch deutlicher herausstellen.

 

Habt Ihr im Allgemeinen eine Affinität zum Krieg? Insgesamt handelt ja die Hälfte Eurer Songs von diesem Thema?

 

Das Thema Krieg ist ja so alt wie die Menschheit und ein ständiger Begleiter durch die Jahrhunderte. Technisch hat sich die Menschheit enorm weiterentwickelt und ist aber geistig in der Steinzeit hängengeblieben. Seit dieser Zeit werden Konflikte nur mit brachialer Gewalt gelöst. Die Diskrepanz zwischen technischem und geistigem Fortschritt wird der Menschheit eines Tages das Genick brechen. Wir kennen ja die Schrecken des Krieges aus erster Hand von den Erzählungen der Großeltern und Eltern. Völlig irre, das über 60 Jahre nach dem Supergau der Mensch nichts gelernt hat. Und die Deppen in unserer Regierung, die noch vor Jahren mit Sprüchen wie „Soldaten sind Mörder“ aufwarteten, schicken genau jene jetzt in den Tod, um unsere Freiheit am Hindukusch zu verteidigen.

 

Ist es für Euch eigentlich eine Beleidigung oder eher ein Ritterschlag, wenn man Euch als gnadenlos oldschool bezeichnet? Ich wage mich mal aus dem Fenster wenn ich behaupte: Wäre diese Platte 1988 im Westen veröffentlicht worden, Ihr wärt jetzt eine der größten Bands im deutschen Metal.

 

Würden wir klingen wie aktuelle Bands, wäre das doch unglaubwürdig und Anbiederei. Wir haben uns wieder auf unsere alten Stärken besonnen und machen da weiter, wo wir Ende der 80er aufgehört haben. Scheuklappen haben wir deswegen trotzdem nicht und hören natürlich auch aktuelle Sachen, die uns gefallen. Danke für die Blumen! Es wäre schon eine späte Genugtuung, wenn die aktuelle Scheibe gut einschlagen würde. Speziell die Leute, die meinen das jenseits einer gewissen Altersgrenze nur noch Scheiße kommt, würden wir gerne mal in den Arsch treten!

 

Wird man Euch dieses Jahr noch auf einer Tour bewundern können?

 

Wir hoffen, dass im Zuge der neuen Scheibe noch ein paar mehr Gigs ins Haus flattern. Eine Tour wäre natürlich unser größter Wunsch, da wir unbedingt unser Jagdgebiet in Richtung Westen erweitern wollen. Bis jetzt stand ja nur Tübingen auf der Speisekarte. Das muss sich unbedingt  ändern.

by olaf

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